Die besten Jazz-Alben 2026: acht Platten, über die man reden sollte

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Die besten Jazz-Alben 2026: acht Platten, über die man reden sollte
Flea, Bassist der Red Hot Chili Peppers, legte 2026 mit „Honora“ sein Jazzdebüt vor. Foto: Leon Wilson from Sydney, Australia, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Im April landete ein Rockbassist auf dem Cover von DownBeat. Flea, seit über vier Jahrzehnten der springende Puls der Red Hot Chili Peppers, spielt auf seinem Soloalbum Trompete. Prompt ging der übliche Streit los: Darf der das? Ein halbes Jahr später schaffte eine Londoner Band, was vor ihr keine britische Jazzgruppe geschafft hatte: Platz eins der Albumcharts. Wer die besten Jazz-Alben 2026 sucht, landet deshalb zwangsläufig an der Grenze zu Rock und Funk. Dort passiert in diesem Jahr am meisten.

Unsere Auswahl umfasst Platten, die zwischen Januar und Oktober 2026 erschienen sind. Als Kompass dienten Kritikerlisten zur Jahresmitte, die Longlists der Deutschen Schallplattenkritik und die Besprechungen der Fachpresse. Gewichtet haben wir nach unserem eigenen Schwerpunkt: Groove, Grenzgänge, deutschsprachige Szene. Stand ist Anfang November. Was bis Dezember noch erscheint, reichen wir nach.

Die Grenzgänger: Jazz trifft Rock und Funk

Flea – „Honora“ (Nonesuch, März)

Das Jazzdebüt des Chili-Peppers-Bassisten erschien am 27. März. Flea spielt Bass und Trompete, also das Instrument, mit dem er als Jugendlicher angefangen hat. Als Gäste sind Thom Yorke und Nick Cave dabei, produziert hat der Saxofonist Josh Johnson. Benannt ist das Album nach Fleas Ururgroßmutter. Die Skepsis der Jazzwelt war absehbar, DownBeat hat sie in der eigenen Besprechung gleich mitverhandelt. Trotzdem steht „Honora“ auf der Longlist der Deutschen Schallplattenkritik, in Australien führte es die Jazz-und-Blues-Charts an. Wer über Funk-Rock zum Jazz kommt, findet hier die naheliegendste Eingangstür des Jahres.

Reinhören: „Honora“ auf Bandcamp

Jeff Parker ETA IVtet – „Happy Today“ (International Anthem/Nonesuch, Mai)

Zwei Stücke, je eine Plattenseite lang, live mitgeschnitten am 20. August 2025 im Lodge Room in Los Angeles. Es war der erste Auftritt des Quartetts außerhalb des inzwischen geschlossenen Clubs ETA, dem die Band ihren Namen verdankt. Für den Tortoise-Gitarristen lag ein hartes Jahr dahinter, den Titel versteht er ausdrücklich als Bekenntnis zur Freude. Mit Anna Butterss am Bass, Josh Johnson am Altsaxofon und Jay Bellerose am Schlagzeug entsteht ein minimalistischer Groove, der sich langsam auftürmt. Paste vergab ein A-, im Kritiker-Aggregat von Album of the Year stand die Platte lange an der Spitze der Jazz-Jahresliste. Ein Konzertfilm von Charlie Weinmann dokumentiert den Abend.

Reinhören: „Happy Today“ bei Nonesuch

Ezra Collective – „Here Because of Hope“ (Partisan, September)

Das vierte Album der Londoner erschien am 11. September und kletterte auf Platz eins der britischen Charts. Laut DJ Mag ist Ezra Collective damit die erste UK-Jazzgruppe mit einem Nummer-eins-Album. Auf 17 Tracks verbinden sie Afrobeat, Dancehall und Londoner Garage, Gäste sind unter anderem Pa Salieu und die Schauspielerin Letitia Wright. Thematisch geht es, so die Band, um den Weg vom Schmerz zur Freude. Wer verstehen will, woher dieser Rhythmus kommt, findet die Wurzeln im Afrobeat-Erklärer. Für das Frühjahr 2027 hat die Band eine Tour durch Großbritannien und Europa angekündigt.

Reinhören: „Here Because of Hope“ auf allen Streamingdiensten

Soft Machine – „Thirteen“ (Dyad, März)

Dreizehn Stücke auf dem dreizehnten Studioalbum, knapp sechzig Jahre nach der Gründung. Die Canterbury-Legende tritt heute als Quartett mit John Etheridge, Theo Travis, Fred Baker und Asaf Sirkis an. Ein Stück baut auf einer älteren Gitarrenaufnahme des verstorbenen Gründungsmitglieds Daevid Allen auf. Mojo hält „Thirteen“ für die stärkste Platte dieser Besetzung. Nostalgie ist das nicht, das Material ist komplett neu. Für alle, die wissen wollen, warum man bei dieser Band von Jazz-Rock spricht und nicht einfach von Fusion: Der Unterschied zwischen Fusion und Jazz-Rock lässt sich an Soft Machine fast lehrbuchhaft zeigen.

Reinhören: „Thirteen“ auf Bandcamp

Jazz mit Geschichte im Rücken

Tyshawn Sorey – „Members… Don't!“ (Pi Recordings, Mai)

Wenn es 2026 einen Konsens-Favoriten der Kritik gibt, dann diesen. Bei All About Jazz tauchte das Album zur Jahresmitte auf mehreren Redaktionslisten gleichzeitig auf, auch die Schallplattenkritik hat es auf der Longlist. Schlagzeuger Sorey nimmt sich Max Roachs politisches Album „Members, Don't Git Weary“ von 1968 vor und baut es zu einer rund 95 Minuten langen Suite um, live mitgeschnitten im Juni 2025 in der New Yorker Jazz Gallery. Im Quintett spielen unter anderem Adam O'Farrill und Mark Shim, im Titelstück am Ende singt Fay Victor. Hintergrundmusik ist das nicht. Wer sich darauf einlässt, bekommt die vielleicht dringlichste Jazzplatte des Jahres.

Reinhören: „Members… Don't!“ auf Bandcamp

Joel Ross – „Gospel Music“ (Blue Note, Januar)

Das fünfte Blue-Note-Album des Vibrafonisten folgt auf 17 Tracks dem Bogen der biblischen Geschichte. Ross stammt aus Chicago und ist mit Gospel in der Schwarzen Kirche aufgewachsen. Spannend ist, wie lange die Platte ihren Titel unterläuft: Laut PopMatters wird es erst ab dem zehnten Stück hörbar „gospelig“, davor regiert vertrackter, schneller Jazz. Im Sextett spielen unter anderem Maria Grand und, schon wieder, Josh Johnson. Wer sich für das Label interessiert, auf dem das erscheint, findet die Hintergründe in unserer Geschichte von Blue Note Records.

Reinhören: „Gospel Music“ bei Blue Note

Aus dem deutschsprachigen Raum

Joachim Kühn – „Joachim Kühn & Young Lions“ (ACT, April)

Mit 82 Jahren gründet Joachim Kühn eine neue Band und nennt sie Young Lions. Am Flügel sitzt er, um ihn herum Jakob Bänsch (Trompete), Andrés Coll (Marimba), Nils Kugelmann (Bass) und Sebastian Wolfgruber (Schlagzeug). Bänsch bekam 2024 den Deutschen Jazzpreis für das beste Debütalbum. Aufgenommen wurde im August 2025 im Münchner Polyester Studio, alle Stücke stammen von Kühn. Die Besetzung mit Marimba statt zweitem Bläser ist ungewöhnlich, und genau das macht den Reiz aus. Auf der Longlist 3/2026 der Schallplattenkritik ist das Album vertreten.

Reinhören: „Joachim Kühn & Young Lions“ bei ACT

Angelika Niescier – „Chicago Tapes“ (Intakt, Januar)

Die in Deutschland lebende Altsaxofonistin, 2024 mit dem Deutschen Jazzpreis für Holzblasinstrumente ausgezeichnet, hat sich für dieses Album ein Ensemble aus Chicagoer Größen zusammengestellt: Dave Rempis, Nicole Mitchell, Jason Adasiewicz, Luke Stewart und Mike Reed. Aufgenommen wurde im Mai 2025 in Chicago, erschienen ist die Platte beim Zürcher Label Intakt, das 2026 seinen 40. Geburtstag feiert. Das ist die freieste, wildeste Platte dieser Liste. Die Schallplattenkritik hat sie für ihre Bestenliste 2/2026 nominiert.

Reinhören: „Chicago Tapes“ bei Intakt Records

Weitere DACH-Titel auf dem Zettel

Auf der Longlist 3/2026 der Schallplattenkritik stehen außerdem Christian Lillinger mit „Open Form For Society II“, Christof Lauer mit „Odyssea Sonorum“, das Fuchsthone Orchestra mit „Peaks And Plots“ und das Trio Felix Hauptmann, Roger Kintopf und Leif Berger mit „Percussion III“. Und beim Deutschen Jazzpreis im April gewann das Berliner Moses Yoofee Trio mit „MYT“ die Kategorie Debüt-Album des Jahres (Reinhören auf Bandcamp). Wer weitere junge Namen sucht, wird bei den neuen Jazz-Funk-Bands aus der DACH-Szene fündig.

Der Name, der 2026 überall auftaucht

Drei der acht Alben haben einen gemeinsamen Nenner, der auf keinem Cover groß steht: Josh Johnson. Er hat Fleas „Honora“ produziert, er spielt Altsaxofon in Jeff Parkers ETA IVtet und in der Band von Joel Ross. Der Saxofonist aus Los Angeles verbindet die Rock-Prominenz, die Groove-Avantgarde und den Blue-Note-Mainstream. Eine Personalie, die mehr über den Jazz 2026 erzählt als jede Genredebatte. Die spannendste Musik entsteht gerade dort, wo dieselben Leute in ganz verschiedenen Räumen spielen.

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