Funk-Rock erklärt: von den Wurzeln bis heute

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Funk-Rock erklärt: von den Wurzeln bis heute
Foto von Richard Sagredo / Unsplash

Man nehme den Bass, der im Funk springt und schnappt, als wäre er das Leadinstrument. Man gebe ihm die verzerrten Gitarren und die rohe Lautstärke des Rock. Und man lasse beide nicht höflich nebeneinander stehen, sondern miteinander ringen. Was dann passiert, ist Funk-Rock: eine Musik, die gleichzeitig in die Beine und in die Magengrube fährt.

Funk-Rock in einem Satz

Funk-Rock ist ein Genre, das den synkopierten, bassgetriebenen Groove des Funk mit der verzerrten Gitarrenwucht und der Energie des Rock verbindet. Es existiert in zwei Wellen: einer frühen in den späten 1960er- und 1970er-Jahren, in der Funk und Rock erstmals verschmolzen, und einer zweiten in den 1980ern und 1990ern, in der Bands wie die Red Hot Chili Peppers den Sound zum kommerziellen Massenphänomen machten.

Wie es klingt

Der Signatur-Sound des Funk-Rock ist die Spannung zwischen Groove und Härte. Im Zentrum steht ein Bass, der nicht bloß begleitet, sondern führt – oft mit der Slap-Technik gespielt, bei der die Saiten geschlagen und gezupft werden, sodass ein perkussiver, schnalzender Ton entsteht. Darüber liegen Gitarren, die zwischen zwei Rollen wechseln: mal kratzen sie perkussiv im Funk-Stil, mal brechen sie in verzerrte Rock-Riffs aus. Das Schlagzeug hält einen Groove, der aus dem Funk kommt, aber mit der Wucht des Rock geschlagen wird.

Anders als der reine Funk, der geschmeidig und tanzbar bleibt, hat Funk-Rock Kanten. Er kann aggressiv werden, sich aufbauen, explodieren. Und anders als der reine Rock, der oft geradeaus prescht, bleibt Funk-Rock im Groove verankert – er wippt und schnalzt, statt nur nach vorn zu drücken. Das Gefühl ist energiegeladen, körperlich, oft schweißtreibend. Viele Funk-Rock-Stücke leben von der Dynamik: leise, funkige Strophen, die sich zu lauten, rockigen Refrains auftürmen.

Woran man Funk-Rock blind erkennt: an einem Bass, der die Show stiehlt, während die Gitarre daneben zwischen Kratzen und Krachen pendelt.

Woher es kommt: die erste Welle

Die Wurzeln des Funk-Rock liegen in der zweiten Hälfte der 1960er, als die strengen Grenzen zwischen den schwarzen und weißen Musiktraditionen der USA durchlässig wurden. Sly and the Family Stone war die Schlüsselband: eine gemischte, in jeder Hinsicht grenzüberschreitende Gruppe, die Funk-Grooves mit Rock-Energie, psychedelischen Klängen und Pop-Melodien verband. Ihr Sound bewies, dass Funk nicht sanft bleiben musste und Rock nicht auf den Groove verzichten durfte.

Parallel dazu trieb Jimi Hendrix den Rock so tief in den Funk und Blues, dass die Grenze verschwamm. Sein Spiel prägte eine ganze Generation von Funk-Gitarristen. Und George Clinton baute mit seinem Parliament-Funkadelic-Kosmos, besonders mit der Band Funkadelic, eine wilde, gitarrenlastige, psychedelische Spielart des Funk, die genauso gut als Rock durchging. Diese frühe Welle legte das Fundament: Sie zeigte, dass die beiden Genres nicht nur nebeneinander existieren, sondern zu etwas Neuem verschmelzen konnten.

Die zweite Welle: Funk-Rock wird groß

Zum Massenphänomen wurde Funk-Rock erst in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren. Die Band, die den Sound definierte und bis heute verkörpert, sind die Red Hot Chili Peppers. Mit dem hyperaktiven Slap-Bass von Flea und der Mischung aus Funk-Grooves, Punk-Energie und Rock-Refrains wurden sie zu einer der größten Rockbands der Welt. Ihr Album Blood Sugar Sex Magik (1991) machte den Stil endgültig salonfähig.

Um sie herum entstand eine ganze Szene. Faith No More verband Funk-Rock mit Metal und Hip-Hop und landete mit Epic einen prägenden Hit. Living Colour brachte virtuosen, harten Funk-Rock mit einer klaren politischen Haltung und dem Gitarrenfeuer von Vernon Reid. Fishbone mischte Funk, Rock, Ska und Punk zu einem der wildesten Livespektakel ihrer Zeit. Gemeinsam war ihnen die Energie, die aus der Reibung zwischen Groove und Härte entsteht – und die den Funk-Rock von der reinen Tanzmusik ebenso abhebt wie vom reinen Rock.

Die Prägenden

  • Sly and the Family Stone – die Ur-Funk-Rock-Band, grenzüberschreitend in jeder Hinsicht · Einstieg: Stand! (1969)
  • Funkadelic – George Clintons gitarrenlastige, psychedelische Funk-Vision · Einstieg: Maggot Brain (1971)
  • Red Hot Chili Peppers – die kommerzielle Speerspitze der zweiten Welle · Einstieg: Blood Sugar Sex Magik (1991)
  • Living Colour – virtuoser, politischer Funk-Rock mit Metal-Kante · Einstieg: Vivid (1988)
  • Faith No More – die Verbindung von Funk-Rock, Metal und Hip-Hop · Einstieg: The Real Thing (1989)

Einordnung und Verwandtschaft

Funk-Rock steht im Stammbaum genau dort, wo der Groove auf die Verzerrung trifft. Er teilt seine Wurzeln mit dem Jazz-Rock und der Fusion – auch dort verschmolz die elektrische Energie des Rock mit einer anderen Tradition, nur eben mit dem Jazz statt dem Funk. Wie diese Verwandtschaft im Detail funktioniert, zeigt der Erklärer zu Fusion und Jazz-Rock.

Nach vorn hat Funk-Rock zahlreiche Nachfahren beeinflusst: den Funk-Metal, den Rap-Rock der 1990er und selbst Teile des Alternative Rock, in dem der bewegliche, funkige Bass zum festen Bestandteil wurde. Vom reinen Funk unterscheidet ihn die Härte und die Rock-Gitarre, vom reinen Rock der bassgetriebene Groove. Er ist gewissermaßen der laute, ungestüme Cousin in der großen Familie der Funk-Fusionen. Wo all diese Verwandtschaften zusammenlaufen, zeigt der große Genre-Guide zu Jazz, Funk, Rock und ihren Fusionen.

Dein Einstieg

  1. Red Hot Chili Peppers – Give It Away: der Inbegriff des Funk-Rock, angetrieben von Fleas Slap-Bass, sofort erkennbar.
  2. Sly and the Family Stone – Thank You (Falettinme Be Mice Elf Agin): der Ursprung, ein Groove, der die ganze Bewegung im Kern enthält.
  3. Living Colour – Cult of Personality: für die harte, virtuose Seite, mit einem der besten Rock-Riffs seiner Zeit.
  4. Funkadelic – Maggot Brain: für die psychedelische Wurzel, ein zehnminütiges Gitarrensolo, das Rock und Funk in Trance auflöst.

Wenn du vom Groove kommst, beginne bei Sly Stone. Wenn du vom Rock kommst, beginne bei den Chili Peppers. Beide Türen führen in denselben schweißtreibenden Raum.

Funk-Rock im deutschsprachigen Raum

Auch im deutschsprachigen Raum hat der Funk-Rock seine Spuren hinterlassen, wenn auch weniger im Rampenlicht als in den USA. In den 1990er-Jahren griffen einige Bands den Slap-Bass und die Groove-lastige Härte auf und übersetzten sie in eigene Kontexte, oft an der Schnittstelle zu Crossover und Alternative Rock. Die Idee, einen tanzbaren Funk-Groove mit der Energie einer Live-Rockband zu verbinden, fand vor allem in der Clubszene und auf Festivals ein Publikum, das die reine Trennung von Tanzmusik und Gitarrenmusik ohnehin für überholt hielt.

Für die heutige DACH-Szene ist dieser Funk-Rock-Impuls einer von mehreren Fäden, die zusammenlaufen. Wenn junge Bands Jazz, Funk und Rock nicht mehr als getrennte Welten begreifen, sondern als Werkzeugkasten, dann gehört die körperliche Wucht des Funk-Rock genauso dazu wie die harmonische Tiefe des Jazz. Der Groove, der im Funk-Rock zwischen Bass und verzerrter Gitarre entsteht, taucht in vielen aktuellen Fusionen wieder auf, oft ohne dass jemand es noch Funk-Rock nennt.

Warum Funk-Rock nie ganz verschwindet

Funk-Rock hat eine Eigenschaft, die ihn über die Jahrzehnte trägt: Er ist unmittelbar körperlich. Man muss ihn nicht analysieren, um ihn zu verstehen – der Bass schnalzt, die Gitarre kracht, und der Körper reagiert. Zwar hatte das Genre seine kommerziellen Hochphasen in bestimmten Jahrzehnten, doch der Impuls dahinter, Groove und Wucht zusammenzubringen, taucht in jeder Musikergeneration neu auf. Solange es Bassisten gibt, die ihr Instrument als Rhythmus- und Leadinstrument zugleich begreifen, und Gitarristen, die zwischen Funk-Kratzen und Rock-Riff wechseln, wird es Funk-Rock geben – unter diesem oder einem anderen Namen.


Funk-Rock ist der Beweis, dass man nicht zwischen Kopfnicken und Tanzen wählen muss. Man kann beides gleichzeitig tun.

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