Nu-Jazz aus Deutschland: die Szene 2026 zwischen Jazz und Tanzfläche
Nu-Jazz ist der Punkt, an dem sich die Jazzausbildung und die Clubnacht die Hand geben. Akustische Bläsersätze treffen auf Breakbeats, ein Wurlitzer läuft neben der Drum Machine, und am Ende soll man tanzen können. In Deutschland hat dieser Sound eine erstaunlich dichte Szene hervorgebracht, nur nicht immer dort, wo die großen Streaming-Playlists hinschauen.
Wer 2026 nach neuen Nu-Jazz-Künstlern aus dem deutschsprachigen Raum sucht, merkt schnell: Die internationalen Kuratoren führen vor allem Londoner Namen. Die deutsche Szene läuft leiser, aber sie läuft. Und sie hat mit einer Handvoll Bands und einem eigenwilligen Label eine Landkarte, an der man sich entlanghangeln kann.
Steckbrief: deutscher Nu-Jazz
| Was | Jazz trifft Elektronik, Funk, HipHop und Clubkultur |
| Andere Namen | Jazztronica, Electro-Jazz, Future Jazz, Club-Jazz |
| Zentrum | Berlin (plus Potsdam, München, Frankfurt) |
| Klang-Anker | tanzbar, groove-orientiert, oft instrumental |
| Szene-Label | Kryptox (Mathias „Kapote" Modica) |
Wanubalé: der Maßstab aus dem Berliner Raum
Wenn eine deutsche Band den Club-Jazz der letzten Jahre geprägt hat, dann diese. Wanubalé – inzwischen auch unter dem Kürzel WNBL unterwegs – sind neun Musiker aus dem Berliner und Potsdamer Raum, fünf davon kennen sich schon vom selben Musikgymnasium. Die Besetzung sagt viel über den Sound: vier Bläser, zwei Schlagzeuger, dazu Gitarre, Bass und Keyboards.
Der Kern entstand im Schlagzeugkeller der Schule, wo die beiden Drummer Philip Schilz und Heinrich Eiszmann nachmittelang an Grooves bastelten. Genau diese doppelte Rhythmusabteilung ist bis heute das Fundament: ultratanzbare Beats, über die sich fette Bläsersätze und mitsingbare Melodien legen – und das komplett ohne Gesang. Als Einflüsse nennt die Band selbst Snarky Puppy und Fat Freddy's Drop, dazu jüngere Acts wie Hiatus Kaiyote und Nubiyan Twist.
Das instrumentale Debütalbum phosphenes nahmen sie 2018 im Studio des Berliner Kollektivs Jazzanova auf, veröffentlicht wurde es 2019 bei agogo records. 2023 folgte die EP wnbl, auf der erstmals auch Rap- und R&B-Gäste auftauchten. Schon 2018 gewann die Band den Sparda Jazz Award – in einer Jury saß unter anderem Klaus Doldinger.
Ehrlich gesagt: Ein Newcomer im engeren Sinn ist Wanubalé damit nicht mehr. Die Band ist seit Jahren aktiv und etabliert. Aber als Maßstab, wie deutscher Club-Jazz klingen kann, führt an ihr kein Weg vorbei. Und sie hat eine direkte Verbindung zu einem der spannendsten jungen Acts der Szene: Am Keyboard sitzt bei Wanubalé unter anderem Moses Yoofee – derselbe, der mit dem Moses Yoofee Trio 2026 den German Jazz Prize für das beste Debütalbum geholt hat.
Kryptox: die Landkarte der Szene
Wer die deutsche Nu-Jazz-Szene verstehen will, kommt an einem Namen nicht vorbei: Mathias Modica, als Produzent auch als „Kapote" bekannt, und sein Label Kryptox. Kryptox versteht sich als Heimat für neue Bands, die sich von Jazz, Krautrock, zeitgenössischer Klassik, Psychedelia und Elektronik inspirieren lassen – überwiegend in Deutschland ansässig.
Das Herzstück ist die Compilation-Reihe Kraut Jazz Futurism. Modica macht darauf für die deutsche Szene, was Gilles Peterson mit seiner We Out Here-Compilation für den jungen britischen Jazz getan hat: eine Momentaufnahme dessen, was gerade in den Clubs kocht. Das britische Fachmagazin The Wire beschrieb den ersten Teil als neu gezeichnete Landkarte des Berliner Undergrounds – erfrischend, exzentrisch und manchmal auch komisch.
Auf Kraut Jazz Futurism Vol. 2 (2021) versammeln sich Namen wie Contrast Trio, CV Vision, Wanubalé, Le Millipede und Kuhn Fu. Die Compilation ist ein paar Jahre alt, aber als Einstieg in die Szene taugt sie immer noch – jeder dieser Acts ist ein eigener Faden, dem man weiter folgen kann. Wer sich durch die Tracklist hört, hat schnell ein Gespür dafür, wie breit „Nu-Jazz aus Deutschland" gemeint ist: mal krautig-hypnotisch, mal broken-beat-getrieben, mal nah am Funk.
Was 2026 frisch dazukommt
Ganz neue, rein deutsche Nu-Jazz-Acts sind 2026 dünner gesät, als man bei einer so lebendigen Szene erwarten würde. Ein aktueller Fund lohnt aber den Blick: Kryptones, ein zwölfköpfiges Outfit aus Deutschland, das im März 2026 die Single Matti's Mojo veröffentlicht hat. Der Sound sitzt zwischen Jazz-Fusion, Jazz-Funk und Jazz-Rock, und das Besondere ist, wie die Band die Big-Band-Energie gerade so weit herunterregelt, dass der Groove atmen kann. Viel mehr ist über die Band öffentlich noch nicht zu finden, was sie zu einem der Namen macht, bei denen man früh dran sein kann.
Der 2026 sichtbarste Vertreter dieses genreoffenen deutschen Jazz bleibt ohnehin das Moses Yoofee Trio, das den Bogen von der Clubkultur zur großen Jazzbühne schlägt. Es ist kein Zufall, dass sich die Fäden immer wieder bei denselben Musikern kreuzen – die Szene ist eng vernetzt, man spielt in mehreren Projekten gleichzeitig, und genau daraus entsteht ihr Sound.
Wo man weiterhören sollte
Der ehrlichste Weg in den deutschen Nu-Jazz führt nicht über eine einzelne Playlist, sondern über diese Vernetzung. Von Wanubalé aus landet man bei Jazzanova und dem Moses Yoofee Trio, von Kryptox aus bei einem Dutzend kleinerer Acts, die alle irgendwo zwischen Keller-Jam und Clubnacht entstanden sind. Wer verstehen will, was den Sound ausmacht, findet die Einordnung in unserem Erklärer zu Nu-Jazz und im großen Genre-Guide zu Jazz, Funk, Rock und ihren Fusionen.
Und wer die Szene live erleben will, hat im Herbst die beste Gelegenheit: Das NUEJAZZ Festival bringt vom 23. Oktober bis 15. November 2026 in Nürnberg und Erlangen genau diese Mischung aus etablierten Namen und Nachwuchs auf dieselben Bühnen. Dort entscheidet sich oft, welcher der leisen Namen von heute morgen lauter wird.
Häufige Fragen zum deutschen Nu-Jazz
Was ist Nu-Jazz? Nu-Jazz verbindet klassische Jazzelemente – Improvisation, komplexe Harmonien, akustische Instrumente – mit elektronischer Produktion, Beats und Clubästhetik. Andere Bezeichnungen sind Jazztronica, Electro-Jazz oder Future Jazz.
Welche deutschen Nu-Jazz-Acts sollte man kennen? Zu den prägenden Namen der deutschen Club-Jazz-Szene zählen Wanubalé (WNBL) aus dem Berliner Raum sowie die Acts rund um das Label Kryptox und seine Compilation-Reihe Kraut Jazz Futurism. Ein frischer Fund 2026 ist das Ensemble Kryptones.
Wo ist das Zentrum der deutschen Nu-Jazz-Szene? Der Schwerpunkt liegt in Berlin, mit Ausläufern nach Potsdam, München und Frankfurt. Die Verbindung aus einer starken Jazzausbildung und einer prägenden Clubkultur hat die Szene dort besonders wachsen lassen.
Was ist Kraut Jazz? Kraut Jazz ist ein Begriff, den das Label Kryptox geprägt hat. Er beschreibt eine deutsche Spielart des Nu-Jazz, die Jazz mit Krautrock, Afrobeat, HipHop und Elektronik verbindet.
Quellen
- Wanubalé / WNBL – offizielle Bandseite (Besetzung, Bandgeschichte, Selbstbeschreibung)
- agogo records – Wanubalé „phosphenes" (Label, Release-Angaben, Sparda Jazz Award)
- jazz-fun.de – Wanubalé „Phosphenes" (Besetzung, Klangbeschreibung)
- Kryptox – „Kraut Jazz Futurism Vol. 2" (Label-Selbstbeschreibung, Tracklist, Szene-Einordnung, The-Wire-Zitat)
- arcticdrones – „Release Roundup: Jazz Fusion / Nu Jazz 2026, Vol. 1" (Kryptones, „Matti's Mojo", Release März 2026)
- Stereofox – „Modern Jazz Artists to Watch in 2026" (Moses Yoofee Trio, Szene-Kontext)
- NUEJAZZ Festival (Festivaltermine 2026)
Stand: Juli 2026. Programme, Releases und Termine ändern sich – vor dem Besuch lohnt der Blick auf die jeweilige Website.