Die Geschichte des Jazz-Clubs: von Storyville bis heute

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Die Geschichte des Jazz-Clubs: von Storyville bis heute
Kleine Bühne, kurze Distanz: Das Prinzip des Jazz-Clubs hat sich in über hundert Jahren kaum verändert. Photo by Rochelle Lee / Unsplash
Der Jazz-Club ist kein Zufallsprodukt, sondern der Ort, an dem diese Musik überhaupt erst entstehen konnte. Seine Geschichte führt von Bordellsalons und Tanzhallen über glitzernde Revuetheater bis zu den kleinen Kellern, in denen heute Newcomer ihre erste Bühne finden.

Eine Musik braucht einen Raum. Der Jazz hat sich seinen selbst gebaut – in Hinterzimmern, Kellern, Tanzhallen und Bars, dort, wo Menschen zusammenkamen, die anderswo nicht zusammenkommen durften. Wer verstehen will, warum diese Musik so klingt, wie sie klingt, muss die Orte kennen, an denen sie gespielt wurde. Denn der Raum formt den Klang.

Storyville: der Mythos und die Wirklichkeit

Die Geschichte beginnt fast immer mit einem Namen: Storyville. Von 1897 bis 1917 gab es in New Orleans ein per Gesetz eingerichtetes Rotlichtviertel, benannt nach dem Stadtrat Sidney Story, der die Verordnung geschrieben hatte – ein Spitzname, den der Namensgeber selbst gar nicht witzig fand. In dessen Bordellen, Saloons, Tanzhallen und Restaurants fanden viele frühe Jazzmusiker ihre ersten bezahlten Auftritte.

Die Bedingungen dort waren aus musikalischer Sicht ideal, so paradox das klingt. New Orleans war ein geschäftiger Hafen, in dem afrikanische Rhythmen, karibische Tänze, europäische Klassik, Blues und Ragtime aufeinandertrafen. Clubbesitzer stellten Musiker ein, die aus all dem Tanzmusik machen konnten. In den vornehmen Salons spielten sogenannte „Professoren" am Klavier – der junge Jelly Roll Morton war einer von ihnen, was seine bürgerliche Familie so erzürnte, dass sie ihn hinauswarf.

Nun kommt der Punkt, an dem man vorsichtig sein sollte. Die gängige Erzählung lautet: Als die US-Marine 1917 Storyville schließen ließ, hätten die arbeitslosen Musiker ihre Koffer gepackt und den Jazz nach Chicago und New York getragen. Diese Geschichte ist eingängig – und historisch fragwürdig. Fachleute weisen darauf hin, dass Jazzmusiker in ganz New Orleans spielten, nicht nur im Rotlichtbezirk, und dass sie das auch nach 1917 bis weit in die 1920er und 30er Jahre taten. Die Schließung war kein Startschuss zur Massenflucht, sondern eine Episode in einer längeren Entwicklung. Wer diese Legende weitererzählt, verkleinert die Musik zur Anekdote. Sie verbreitete sich ohnehin – weil sie gut war.

Chicago, Harlem, 52nd Street

Die 1920er Jahre gaben der Musik ihren Namen als Zeitalter. In Chicago blühte auf der South Side eine Szene, in der Läden wie das Sunset Café zu Zentren wurden. Und in New York entstand mit dem Cotton Club im Harlem der 1920er und 30er ein legendärer Ort, an dem schwarze Musiker vor überwiegend weißem Publikum auftraten – eine Konstellation, die viel über die Zeit erzählt und deren Widersprüche man nicht wegschreiben sollte.

Die vielleicht dichteste Jazzstraße der Geschichte lag ein Stück weiter südlich: die 52nd Street in Manhattan, in den 1930ern und 40ern ein Brennpunkt, an dem sich Club an Club reihte. Hier konnte man an einem Abend von Tür zu Tür gehen und die halbe Jazzgeschichte hören.

Ein Block westlich davon eröffnete später ein Laden, der nach dem Spitznamen eines Musikers benannt wurde: Birdland, benannt nach Charlie „Bird" Parker. Der Club wurde zur Institution. Count Basie machte ihn zu seinem New Yorker Hauptquartier, John Coltranes Quartett spielte hier in den frühen 60ern regelmäßig, und ein Radio-DJ übertrug die Konzerte live an die ganze Ostküste. In den ersten fünf Jahren zahlten weit über eine Million Menschen Eintritt – umgerechnet der Preis eines Mittagessens für einen Abend mit Miles Davis, Dizzy Gillespie oder Thelonious Monk.

Warum der Club den Jazz formte

Es lohnt sich, kurz innezuhalten und zu fragen, was diese Räume mit der Musik machten. Ein Jazz-Club ist klein. Die Band spielt nicht auf einer entrückten Bühne, sondern zwei Meter vom Publikum entfernt. Das erzwingt eine Art von Musik, die reagiert – auf die Stimmung im Raum, auf einen Zuruf, auf den Kollegen am Nebentisch.

Genau hier entstanden die Formen, die den Jazz ausmachen. Die lange Nacht nach dem offiziellen Programm, in der Musiker verschiedener Bands zusammen spielten, gebar die Jam-Session. Der Wettstreit im Club schärfte die Improvisation. Und weil es keine Aufnahmen und keine zweiten Versuche gab, zählte allein der Moment. Der Hard Bop mit seinem schwitzenden Feuer und der Soul-Jazz mit seinen Orgeltrios sind ohne diese Clubwirklichkeit nicht zu denken – Letzterer entstand auch deshalb, weil ein Organist mit den Füßen den Bass übernahm und der Wirt so einen Musiker weniger bezahlen musste.

Der Club heute

Die großen Namen von damals sind teils verschwunden, teils zu Marken geworden. Aber das Prinzip lebt, und zwar erstaunlich unverändert. Noch immer sind es kleine Räume mit schlechter Belüftung und guter Akustik, in denen junge Musiker ihre ersten Auftritte spielen und ihr Handwerk lernen. Noch immer entscheidet sich dort, wer bestehen kann.

Für die deutschsprachige Szene ist das hochaktuell. Ob in Berlin, Wien, Hamburg oder Nürnberg – die Clubs sind der Ort, an dem sich Nachwuchs zeigt, lange bevor irgendein Algorithmus davon erfährt. Wer wissen will, wo diese Musik gerade entsteht, geht nicht auf eine Streamingplattform, sondern die Treppe hinunter in einen Keller. Eine Übersicht der Spielstätten im deutschsprachigen Raum findest du in unserem Guide zur Live-Musik in der DACH-Szene, und wie eine offene Session abläuft, erklärt der Beitrag zur Jam-Session.

Am Ende ist die Geschichte des Jazz-Clubs eine Geschichte über Nähe. Über Musik, die entsteht, wenn Menschen dicht beieinander sind und jemand etwas riskiert. Das ist der eigentliche Grund, warum diese Räume überlebt haben – und warum es sich lohnt, sie zu unterstützen. Wo die dort entstandenen Spielarten in die größere Landkarte passen, zeigt der große Genre-Guide.

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