Das Fender Rhodes: der wärmste Klang im Jazz
Ein E-Piano, das seinen Ursprung in einem Kriegslazarett hat und aus den Aluminiumröhren abgestürzter Bomber gebaut wurde. Sein glockig-warmer Klang verwandelte ab den 1970ern den Sound des Jazz – und niemand, der ihn einmal gehört hat, vergisst ihn.
Du hast diesen Klang schon gehört, auch wenn du seinen Namen nicht kennst. Warm, weich, mit einem glockigen Schimmer, der zwischen Klavier und Vibrafon zu schweben scheint. Wenn der Steinway-Flügel den Jazz bis in die 1960er definierte, dann verwandelte das Fender Rhodes den modernen Jazz ab den 70ern. Hinter diesem Instrument steckt eine der unwahrscheinlichsten Erfindergeschichten der Musik.
Geboren aus Schrott und Mitgefühl
Das Jahr ist 1942. Harold Rhodes, ein junger, außergewöhnlich erfolgreicher Klavierlehrer, der mit Anfang zwanzig bereits eine Kette von Musikschulen in den USA betrieb, dient im Zweiten Weltkrieg beim Army Air Corps. Seine Aufgabe: verwundeten Soldaten in Lazaretten mit Musik über die Zeit zu helfen. Doch ein normales Klavier von Bett zu Bett zu tragen, war unmöglich.
Also baute Rhodes etwas Neues. Aus übrig gebliebenen Aluminiumröhren von B-17-Bombern konstruierte er ein kleines, xylofonartiges Instrument mit 29 Tönen, das man auf dem Schoß spielen konnte. Aus Kriegsschrott und dem Wunsch, Leidenden etwas Gutes zu tun, entstand so der Urahn eines der wichtigsten Instrumente der Popmusik. Dass eine solche Erfindung ausgerechnet in einem Lazarett ihren Anfang nahm, verleiht dem warmen Klang des späteren Rhodes im Nachhinein etwas fast Rührendes.
Nach dem Krieg entwickelte Rhodes die Idee weiter. 1946 gründete er seine eigene Firma und baute das Pre-Piano, das erste elektrische Rhodes mit eingebautem Verstärker. Die technischen Tücken hätten die meisten Menschen zum Aufgeben gebracht – nicht aber diesen sturen Tüftler, dem es zeitlebens weniger ums Geschäft als um die Freude an der Musik ging.
Wie der Klang entsteht
Das Prinzip des Rhodes ist bestechend einfach und zugleich raffiniert. Wie bei einem echten Klavier drückt der Spieler eine Taste, ein Hämmerchen schlägt an – aber nicht gegen eine Saite, sondern gegen einen dünnen Metallstift, eine sogenannte Tine. Diese Tine schwingt neben einem elektromagnetischen Tonabnehmer, der die Schwingung in ein elektrisches Signal verwandelt. Das Signal geht durch ein Kabel an einen Verstärker und Lautsprecher.
Genau diese Bauweise erzeugt den unverwechselbaren Ton: den weichen, glockigen Anschlag, der bei sanftem Spiel samtig schimmert und bei kräftigem Anschlag ein leichtes Bellen bekommt. Ein kurioses Detail am Rande: Weil der Klang mechanisch von den Tines erzeugt wird, kann man ein Rhodes sogar ohne Strom spielen – sehr leise zwar, aber es klingt, ähnlich wie eine unverstärkte E-Gitarre.
Zur Verbindung mit dem Namen Fender kam es 1959, als Harold Rhodes mit Leo Fender zusammenging, dem Mann hinter der berühmten E-Gitarre. Nachdem CBS die Firma Fender 1965 übernommen hatte, erschien das Instrument, das die Welt eroberte: das Fender Rhodes. In den frühen 70ern kamen die legendären Modelle, das schwere „Suitcase" mit eingebauten Lautsprechern und das leichtere, transportfreundliche „Stage"-Piano. Kurios: 1974 verschwand der Name Fender wieder vom Instrument – seither hieß es schlicht Rhodes –, obwohl viele bis heute glauben, ein „Fender Rhodes" sei mehr wert als ein bloßes „Rhodes". Der einzige Unterschied war das Namensschild.
Der Klang, der den Jazz veränderte
Die eigentliche Revolution kam durch die Musiker. Miles Davis, der rastlose Neuerer, ließ seine Pianisten Ende der 60er auf das Rhodes umsteigen und legte damit den Grundstein für den elektrischen Jazz. Von da an war der warme Rhodes-Klang aus der neuen Musik nicht mehr wegzudenken.
Zwei Namen ragen heraus. Herbie Hancock machte das Rhodes zum Herzstück seiner funkigen Revolution – man höre nur, wie das E-Piano auf „Head Hunters" glänzt und groovt. Und Chick Corea nutzte seinen kristallinen Klang für die verspielte Eleganz der Fusion. Das Rhodes wurde damit zum Signatur-Instrument gleich mehrerer Spielarten: Ohne seinen Klang ist der Jazz-Funk ebenso wenig vorstellbar wie der Nu-Jazz oder der Soul-Jazz. Wo die Hammond-Orgel die erdige Seite besetzte, stand das Rhodes für Wärme und Schweben.
Die Produktion des Originals endete 1984, als CBS die Firma verkaufte. Doch der Klang war zu wertvoll, um zu verschwinden. Digitale Keyboards und Software ahmen ihn bis heute nach, und viele Musiker schwören trotzdem auf das echte, mechanische Instrument mit seinem unnachahmlichen Feel. Harold Rhodes selbst, der zeitlebens vor allem Lehrer bleiben wollte, bekam die Rechte an seinem Namen 1996 zurück und starb im Dezember 2000 – vielen kaum als der Mann bekannt, dessen Erfindung sie täglich im Radio hörten.
Wenn du diesen Klang in Reinform erleben willst, hör dir Herbie Hancocks Rhodes-Spiel der frühen 70er an und achte auf dieses warme Glimmen unter den Akkorden. Es ist der Klang eines Instruments, das aus Mitgefühl und Bomberschrott geboren wurde – und der bis heute jeden Raum wärmer macht, in dem er erklingt. Wo das Rhodes in die größere Landkarte des Jazz passt, zeigt der große Genre-Guide.