Was ist Soul-Jazz? Orgel, Groove und Gospel-Gefühl

Teilen
Was ist Soul-Jazz? Orgel, Groove und Gospel-Gefühl
Ein Orgeltrio in klassischer Besetzung: Hammond, Gitarre, Schlagzeug – so klang und klingt Soul-Jazz auf der Bühne. (Delvon Lamarr Organ Trio, INNtöne-Festival). Foto von Schorle CC BY-SA 4.0
Soul-Jazz ist der Moment, in dem der Jazz die Kirchenbank verlässt und in die Nachbarschaftsbar zieht – erdig, bluesig, mit einer Orgel, die klingt, als hätte sie Sonntagsgottesdienst und Samstagnacht gleichzeitig erlebt.

Es gibt diesen einen Sound, an dem man Soul-Jazz sofort erkennt: eine Hammond-Orgel, die warm und fett aus den Boxen quillt, dazu ein Groove, der nicht kompliziert sein will, sondern gut. Kein intellektuelles Fingerhakeln, sondern Musik, die direkt ins Zwerchfell geht. Wer Jazz für Kopfsache hält, sollte hier reinhören – Soul-Jazz ist der Gegenbeweis.

Wie es klingt

Das Zentrum ist fast immer die Orgel. Genauer: die Hammond-Orgel, gespielt über einen rotierenden Leslie-Lautsprecher, der dem Ton dieses typische Schweben und Wabern gibt. Der Organist übernimmt oft gleich zwei Jobs auf einmal – mit den Füßen auf dem Basspedal die tiefe Linie, mit den Händen Akkorde und Melodie. Deshalb kommt Soul-Jazz häufig ohne separaten Bassisten aus. Die Orgel ist Fundament und Krone zugleich.

Rhythmisch bleibt es geerdet. Der Groove ist bluesig, oft im entspannten mittleren Tempo, mit einem Schlagzeug, das den Backbeat schön breit macht. Dazu ein Saxofon oder eine Gitarre, die nicht in halsbrecherische Läufe abbiegen, sondern singen. Das ist der Kern: Soul-Jazz will nicht beeindrucken, er will berühren.

Harmonisch steht die Musik mit einem Bein tief im Blues und mit dem anderen im Gospel. Diese kirchliche Färbung – die typischen Wendungen, das Ruf-und-Antwort-Spiel zwischen den Instrumenten, das Anschwellen zum kleinen musikalischen Höhepunkt – stammt direkt aus der schwarzen Kirche. Man muss nicht wissen, was ein Gospel-Kadenz ist, um sie zu spüren. Sie fühlt sich nach Erlösung an.

Und dann ist da dieses Gefühl von Groove und Genügsamkeit. Ein gutes Soul-Jazz-Stück braucht keine zwanzig Akkordwechsel. Manchmal reicht ein einziger fetter Riff, über dem sich alles entfaltet. Weniger ist hier tatsächlich mehr.

Woher es kommt

Mitte der 1950er war der Jazz an einer Weggabelung. Der Bebop hatte die Musik in atemberaubende harmonische Höhen getrieben – brillant, aber für viele Hörer auch anstrengend und weit weg vom Tanzboden. Eine Gegenbewegung entstand, die den Jazz wieder mit seinen Wurzeln verband: mit Blues, Gospel und der Musik, die in den schwarzen Communities tatsächlich gehört und gefühlt wurde.

Der Schlüsselmoment kam mit einem Instrument und einem Mann. Als Jimmy Smith Ende der 1950er die Hammond B-3 in den Jazz holte und ihr Klänge entlockte, die vorher niemand für möglich gehalten hatte, war eine neue Spielart geboren. Smith zeigte, dass die Orgel nicht nur in die Kirche gehörte, sondern in den Jazzclub – als groovendes, schwitzendes, lebendiges Leadinstrument. Das Label Blue Note wurde zur Heimat dieses Sounds und veröffentlichte eine ganze Reihe von Orgel-Platten, die den Stil definierten.

Soul-Jazz war damit auch eine kulturelle Ansage: eine Rückbesinnung auf die Zugänglichkeit, auf Musik für die Leute, nicht nur für die Kritiker. Und sie traf einen Nerv. Über Jahre füllten Orgeltrios die Clubs.

Die Prägenden

Jimmy Smith ist der unbestrittene Pate. Ohne ihn kein Soul-Jazz, wie wir ihn kennen. Sein Album „Back at the Chicken Shack" (aufgenommen 1960) ist der perfekte Einstieg – entspannt, bluesig, mit diesem unwiderstehlichen Orgel-Ton.

Jimmy McGriff und Jack McDuff trugen die Orgel-Tradition weiter, jeder mit eigener Handschrift, beide tief im Blues verwurzelt.

Cannonball Adderley, der Altsaxofonist, brachte den Soul-Jazz in die Charts. Sein „Mercy, Mercy, Mercy" – geschrieben vom österreichischen Pianisten Joe Zawinul, der später Weather Report mitgründete – wurde ein regelrechter Hit und zeigte, wie nah Soul-Jazz an Popmusik heranreichen konnte.

Stanley Turrentine mit seinem warmen, sattem Tenorsaxofon-Ton lieferte einige der schönsten Melodien des Genres und war oft an der Seite der großen Organisten zu hören.

Wo Soul-Jazz hingehört

Man verwechselt Soul-Jazz leicht mit dem verwandten Jazz-Funk, und die beiden sind tatsächlich eng versippt. Der Unterschied liegt im Detail: Soul-Jazz ist älter, bluesiger, orgellastiger und dem Gospel näher. Jazz-Funk kam eine Generation später, ist rhythmisch straffer, oft elektrischer und dem Funk von James Brown verpflichtet. Wenn Soul-Jazz nach Sonntagskirche und Blues klingt, klingt Jazz-Funk nach Diskothek und Straße.

Auch zum Hard Bop gibt es enge Bande – beide entstanden als erdige Antwort auf die Kopflastigkeit des Bebop, ungefähr zur selben Zeit. Der Hard Bop blieb dabei stärker im klassischen Jazz-Instrumentarium, während der Soul-Jazz die Orgel zum Star machte. Wer die ganze Verwandtschaft überblicken will, findet im großen Genre-Guide die Landkarte dazu.

Interessant ist, dass der Sound nie ganz verschwand. Die britische Acid-Jazz-Bewegung der späten 1980er grub die alten Orgel-Platten wieder aus, und bis heute schwört eine treue Szene auf den fetten B-3-Ton. In jeder Jam-Session, in der jemand eine Hammond-Orgel aufbaut, lebt ein Stück Soul-Jazz weiter.

Dein Einstieg

Fang bei den Klassikern an, in dieser Reihenfolge:

  1. Jimmy Smith – „Back at the Chicken Shack" (1960). Der Inbegriff des Genres. Leg die Platte auf, und der Raum wird sofort wärmer.
  2. Cannonball Adderley – „Mercy, Mercy, Mercy" (1966). Die Pop-taugliche Seite, mitreißend und sofort eingängig.
  3. Stanley Turrentine – „Sugar" (1970). Ein warmer, geschmeidiger Türöffner mit langem Nachhall.
  4. Jack McDuff – „Live!" (1963). Für alle, die den rauen Club-Sound eines echten Orgeltrios erleben wollen.

Wenn dich der Orgel-Groove packt, gehst du als Nächstes weiter zum Jazz-Funk – dort steckt derselbe Impuls, nur eine Spur elektrischer und tanzbarer.

Soul-Jazz hat nie versucht, die intellektuellste Musik im Raum zu sein. Er wollte immer die menschlichste sein. Und genau darin liegt seine bleibende Kraft.


Mehr aus dieser Rubrik

Mehr entdecken