Was ist Spiritual Jazz? Zwischen Coltrane und Kosmos

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Was ist Spiritual Jazz? Zwischen Coltrane und Kosmos
Von Manfred Werner (Tsui) - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link
Spiritual Jazz ist Musik, die nicht unterhalten, sondern erheben will – ein Klang, der sich nach oben streckt, als suchte er das Göttliche. Weniger ein Genre, mehr eine Haltung.

Es gibt Platten, die legt man auf und der Raum verändert sich. Der Bass fängt an zu pulsieren, eine Harfe rieselt herein, ein Saxofon setzt an und schraubt sich in Höhen, die eher an ein Gebet als an ein Solo erinnern. Das ist der Sog des Spiritual Jazz. Diese Musik will dich woanders hinbringen, und wenn sie funktioniert, tut sie das auch.

Wie es klingt

Der Spiritual Jazz hat keinen einzelnen, streng definierten Sound – aber ein unverwechselbares Gefühl. Im Kern geht es um Transzendenz, um das Überschreiten des Alltäglichen. Musikalisch äußert sich das auf mehreren Ebenen.

Da ist zunächst die modale Spielweise, die der Musik ihre schwebende Offenheit gibt. Statt durch ein dichtes Gestrüpp von Akkordwechseln zu hetzen, verweilt ein modales Stück lange auf einer einzigen Tonleiter, einem Modus. Das Ergebnis ist ein hypnotischer, meditativer Fluss – Zeit scheint sich zu dehnen. Man kann sich in so einem Stück verlieren, und genau das ist gewollt.

Dann die Instrumentierung, die oft ungewöhnlich ist. Harfe, Flöte, indische und afrikanische Perkussion, Handglocken, manchmal Chorgesang oder gesprochene Verse. Das Saxofon spielt eine besondere Rolle: Es wird nicht bloß gespielt, sondern regelrecht beschworen, mit einem Ton, der vom sanften Flehen bis zum ekstatischen Schrei reicht. Diese entfesselte, expressive Art zu blasen – manche nennen sie das Sheets-of-Sound-Prinzip, das Übereinanderschichten von Tönen zu klanglichen Flächen – ist ein Erbe John Coltranes.

Und schließlich die schiere Länge und Intensität. Ein Spiritual-Jazz-Stück nimmt sich Zeit. Zehn, zwanzig Minuten sind keine Seltenheit, weil die Musik einen Bogen spannen will: vom ruhigen Beginn über eine Steigerung bis zur kathartischen Entladung und wieder zurück in die Stille. Wer sich darauf einlässt, erlebt weniger ein Lied als eine kleine Reise.

Woher es kommt

Die Wurzel hat einen Namen und ein Album: John Coltrane und „A Love Supreme" von 1965. Coltrane, einer der größten Saxofonisten des Jazz, hatte eine persönliche Krise durchlebt und daraus eine tief religiöse Musik geschöpft – eine viersätzige Suite als Dankgebet, direkt und ohne Umweg an eine höhere Macht gerichtet. „A Love Supreme" wurde zum Gründungsdokument einer ganzen Bewegung. Plötzlich war klar, dass Jazz mehr sein konnte als Kunstfertigkeit: ein Weg zur Erfahrung des Heiligen.

Der Kontext machte diese Musik erst möglich. Die 1960er waren in den USA eine Zeit des Umbruchs, geprägt von der Bürgerrechtsbewegung, von einer wachsenden Hinwendung schwarzer Künstler zu afrikanischen Wurzeln, zu östlicher Spiritualität, zum Islam. Viele Musiker suchten nach einer Musik, die diese Suche ausdrückte – nach Würde, nach Identität, nach Sinn. Der Spiritual Jazz war die klingende Antwort.

Nach Coltranes frühem Tod 1967 trugen andere die Fackel weiter, allen voran zwei Menschen aus seinem engsten Umfeld.

Die Prägenden

John Coltrane ist der Ausgangspunkt und bleibt das Zentrum. „A Love Supreme" ist der Einstieg, an dem kein Weg vorbeiführt – ein Album, das man einmal am Stück und ungestört hören sollte.

Alice Coltrane, seine Witwe, Pianistin und Harfenistin, schuf vielleicht die reinste Form des Genres. Ihre Alben verbinden Jazz mit indischer Spiritualität, Streichern und dem gläsernen Klang der Harfe. „Journey in Satchidananda" (1971) ist ein Meisterwerk und ein idealer Einstieg für alle, die den kontemplativen Pol der Musik suchen.

Pharoah Sanders, Coltranes Weggefährte am Saxofon, verkörperte die ekstatische Seite. Sein „The Creator Has a Master Plan" (auf dem Album „Karma", 1969) ist über eine halbe Stunde lang und schwankt zwischen zärtlicher Schönheit und wildem Aufschrei. Sanders spielte bis kurz vor seinem Tod 2022 und wurde von einer jungen Generation als Held wiederentdeckt.

Sun Ra, der kosmische Exzentriker, behauptete, vom Saturn zu stammen, und baute daraus ein ganzes musikalisches Universum. Sein Werk reicht weit über den Spiritual Jazz hinaus, gehört aber zu dessen schillerndsten Kapiteln.

Warum die Musik gerade jetzt wiederkehrt

Lange galt der Spiritual Jazz als Nischenkapitel für Sammler. Das hat sich gründlich geändert. Die Londoner Jazz-Renaissance der letzten Jahre – Musiker wie Shabaka Hutchings, Nubya Garcia oder das Umfeld um sie herum – hat den spirituellen, modalen Ansatz mit neuer Energie aufgeladen. Plötzlich klingen ausverkaufte Konzerte junger Bands nach genau der Ekstase, die Coltrane und Sanders vor einem halben Jahrhundert suchten.

Woran liegt das? Vielleicht daran, dass diese Musik etwas bietet, das in einer zerstreuten, durchgetakteten Gegenwart selten geworden ist: Tiefe, Dauer, das Gegenteil von Häppchen. Ein Stück, das zwanzig Minuten lang deine volle Aufmerksamkeit fordert und belohnt, ist beinahe ein Widerstandsakt.

Der modale, meditative Impuls verbindet den Spiritual Jazz eng mit dem Nu-Jazz, der ihn oft mit elektronischen Texturen weiterdenkt, und mit der Fusion, die aus derselben späten Coltrane-Ära hervorging. Wer die Verwandtschaftslinien nachzeichnen will, findet im großen Genre-Guide die ganze Landkarte. Und auch in der deutschsprachigen Szene taucht dieser suchende, offene Geist wieder auf – etwa dort, wo junge Ensembles das modale Spiel mit HipHop und elektronischen Klängen verbinden.

Dein Einstieg

Hör dich in dieser Reihenfolge hinein, vom Zugänglichen zum Tieferen:

  1. Alice Coltrane – „Journey in Satchidananda" (1971). Der sanfte, hypnotische Einstieg. Harfe, Bass, Saxofon – und dieses Gefühl von Schwerelosigkeit.
  2. John Coltrane – „A Love Supreme" (1965). Das Herzstück. Am Stück hören, laut, ohne Ablenkung.
  3. Pharoah Sanders – „Karma" (mit „The Creator Has a Master Plan", 1969). Die ekstatische Reise, vom Flüstern zum Schrei.
  4. Sun Ra – „Space Is the Place" (1973). Für den Sprung ins kosmische Abenteuer, wenn die Neugier größer wird als die Vorsicht.

Wenn dir diese Musik den Boden unter den Füßen wegzieht – im besten Sinne –, hast du verstanden, worum es geht. Spiritual Jazz misst sich nicht an Perfektion, sondern an dem, wohin er dich bringt.


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