Jazzclub Domicile München: Wie ein Bassist Schwabing nach New York holte
Montagabend in Schwabing, irgendwann in den Siebzigern. Der Club ist spärlich besetzt. An einem Tisch sitzen drei Kritiker: Baldur Bockhoff von der Süddeutschen Zeitung, Wolfgang Thoma von der Abendzeitung und Hans Ruland vom Münchner Merkur. Am Dienstag schreiben sie ihre Besprechungen. Ab Mittwoch brummt der Laden. So hat Ruland es 2002 in der Jazzzeitung erinnert, und ungefähr so funktionierte der Jazzclub Domicile in München: ein Gast, eine ganze Woche Bühne, und eine Stadt, die von Abend zu Abend mitbekam, was da passierte.
Das Domicile bestand von 1965 bis 1981. Das Tourismusportal der Stadt, munich.travel, zählt es zu den herausragenden Jazzclubs Europas seiner Zeit. Eine große Zuschreibung. Die Platten, die dort mitgeschnitten wurden, machen sie zumindest plausibel.
Ein Bassist legt den Bass weg
Eröffnet hat das Domicile am 1. Mai 1965 Ernst Knauff, laut Wikipedia Bebop-Bassist und Jurist ohne Examen. Der Ort: Siegesstraße 19 in Schwabing, in den Räumen eines früheren Lokals namens „Pussycat“, mit Platz für rund 100 Gäste. Zur Eröffnung spielte das Trio des Pianisten Joe Haider.
Knauff hatte bis kurz vorher selbst Bass gespielt, unter anderem im „Käuzchen“ mit Bockhoff am Klavier. Im eigenen Club ließ er das Instrument stehen und überließ die Bühne Besseren. Ruland deutet das als kluge Selbsteinschätzung. Knauff wusste genau, wie Bebop gemacht wird. Und deshalb auch, wer ihn besser machte als er.
Anfangs lief vor allem Mainstream-Jazz. Saxofonist Don Menza spielte, Trompeter Benny Bailey, dazu Solisten aus dem Orchester von Max Greger, die zwischen Tanzmucke und Fernsehshow gern zum Jammen vorbeikamen. Das war gute Musik. Für einen Club, der jede Woche voll werden muss, reichte es trotzdem nicht. Auch die Greger-Leute hätten sich dort auf Dauer „verbrannt“, schreibt Ruland.
Woche statt Abend: das Domicile-Prinzip
Also flog Knauff nach New York. Regelmäßig. Er sah, dass selbst verehrte Jazzgrößen dort froh waren, wenn sie überhaupt halbwegs regelmäßig für wenig Geld spielen konnten. Er holte sie nach München, zu Gagen, die laut Ruland kaum über dem Niveau der heimischen Szene lagen. Die Musiker kamen gern. In Europa galt Jazz als Kunst, nicht als Begleitgeräusch zum Abendessen.
Der eigentliche Trick lag im Kalender. Knauff buchte nicht für einen Abend, sondern für eine Woche. Die Thad Jones/Mel Lewis Big Band holte er laut Ruland sogar zweimal für einen ganzen Monat. Das drückte die Reisekosten pro Abend auf ein erträgliches Maß. Dazu stimmte Knauff sich mit Ronnie Scott ab, der in London mit seinem Club dieselbe Strategie fuhr.
Ein Gast, sieben Abende, zwei Clubs teilen sich die Anreise. Klingt nach Betriebswirtschaft. Ist aber der Grund, warum in einem Schwabinger Club mit hundert Plätzen Musiker von Weltrang auf der Bühne standen.
Was die Bänder im Jazzclub Domicile festhielten
Zwischendurch brannte der Club aus. Nach der Wiedereröffnung entstanden 1967 die ersten Live-Mitschnitte, mit dem Trio von Mal Waldron. Der Pianist, in den Fünfzigern regelmäßiger Begleiter von Billie Holiday, war 1967 nach München gezogen und blieb. Das Domicile wurde so etwas wie sein Heimspiel.
Am 29. Juni 1971 schnitt Enja-Toningenieur Horst Weber ein komplettes Konzert von Waldron mit, Jimmy Woode am Bass, Pierre Favre am Schlagzeug. Daraus wurden gleich zwei Platten: „Black Glory“ und „Mal Waldron Plays the Blues“. „Black Glory“ war Waldrons erste Platte für Enja. Wer nur eine einzige Domicile-Aufnahme hören will, sollte mit dieser anfangen. Da sitzt ein Trio, das sich blind kennt, in einem Raum, der zuhört. Kurz zuvor war Waldron übrigens auch der erste Künstler auf einem anderen jungen Münchner Label: Seine Platte „Free at Last“ eröffnete 1969 den Katalog von ECM Records. Ein paar Jahre lang war München damit eine der spannendsten Aufnahmestädte des europäischen Jazz.
Zwölf Tage nach dem Waldron-Abend, am 11. Juli 1971, stand die erste Reihe der westdeutschen Szene auf der Bühne: die German All Stars, unter anderem mit Albert und Emil Mangelsdorff, Manfred Schoof, Gerd Dudek, Heinz Sauer und Wolfgang Dauner. MPS veröffentlichte den Mitschnitt als „Live at the Domicile“. Das kanadische Magazin Coda urteilte 1974 sinngemäß, diese Band könne die meisten modernen US-Big-Bands von der Bühne blasen. Selbstbewusster ist deutscher Jazz selten beschrieben worden.
Ein Museum für Bebop war das Domicile dabei nie. Am 30. August 1968 nahm dort der tschechische Keyboarder Jan Hammer „Maliny Maliny“ auf, ein paar Jahre bevor er mit dem Mahavishnu Orchestra berühmt wurde. Laut Wikipedia standen außerdem Albert Mangelsdorff, Dusko Goykovich, Klaus Doldinger und Friedrich Gulda auf der Bühne, von Gulda existiert ein Mitschnitt aus dem Jahr 1968. Später kamen fusion-orientierte Acts wie Olaf Kübler und freierer Jazz dazu. Wer nachvollziehen will, wie Jazz und Rock zur Fusion zusammenwuchsen, findet im Unterschied zwischen Fusion und Jazz-Rock und bei Miles Davis' „Bitches Brew“ den größeren Rahmen. Das Domicile war eine der Bühnen, auf denen dieser Wandel live passierte.
Chet Baker, Art Blakey und die Legende
munich.travel nennt Chet Baker und Art Blakey als Gäste des Domicile. Wer das nachprüfen will, stolpert. Für Blakey ließ sich in den zugänglichen Quellen kein Auftritt im Domicile belegen. In München war er durchaus, etwa im Oktober 1965 mit einem Konzert im Deutschen Museum und 1972 beim Festival „Jazz Now“ zu den Olympischen Spielen. Ein Clubgastspiel bei Knauff ist damit aber nicht nachgewiesen.

Bei Chet Baker wird es noch kurioser. Gut dokumentiert ist ein viertägiges Engagement in einem Münchner Club namens Domicile im August 1987, beschrieben von Bakers damaligem Pianisten Larry Porter. Das war sechs Jahre nach Knauffs Abschied. Derselbe Tourismustext behauptet zudem, den Club gebe es noch heute, direkt neben dem Grünwalder Stadion. Das passt zu keinem Laden, der 1981 geschlossen hat. Gut möglich, dass der Name später noch einmal an einem anderen Münchner Lokal hing. Belegt ist das bisher nicht.
Das Domicile braucht diese Namen auch nicht. Die Diskografie spricht für sich.
Umzug, Dollar, Schluss
Nach vielen Jahren in der Siegesstraße zog der Club an die Leopoldstraße, Ecke Franz-Joseph-Straße. Wikipedia datiert den Umzug auf Januar 1979 und nennt die Leopoldstraße 19 als Adresse, eröffnet wurde dort mit einem Gastspiel der Thad Jones/Mel Lewis Big Band. Die alten Räume verpachtete Knauff laut Ruland an Memo Rhein. Daraus wurde das „Memoland“, wo vor allem Amateure spielten. Unvergessen blieb dort ein Auftritt von Teddy Wilson.
Im Oktober 1981 gab Knauff auf. Die Stadt hatte ihm noch einen Zuschuss gezahlt, doch der steigende Dollarkurs machte die Gagen der US-Musiker zu teuer. Ruland nennt als zweiten Faktor die Ausländersteuer, die mit dem Dollar ebenfalls nach oben ging. Knauff zog die Konsequenz, ohne lange zu verhandeln. 2002 notierte Ruland, man treffe ihn nur noch bei Skatmeisterschaften. Über Jazz rede er kaum noch.
Hier liegt die eigentliche Lehre des Domicile. Das Konzept hing an einem Wechselkurs. Solange amerikanische Weltklasse in Mark günstig war, ging die Rechnung auf. Als sich das drehte, half auch Renommee nicht mehr.
Was vom Domicile in München bleibt
Ruland schreibt dem Club eine Wirkung zu, die über die Szene hinausging: Durch das Domicile sei Jazz in München überhaupt erst ein Thema jenseits der Eingeweihten geworden. Andere Lokale hängten sich an den Erfolg an. Gerry Hayes wollte mit dem „Allotria“ nach der Schließung ausdrücklich an das Domicile anknüpfen, mit etwas konventionellerem Programm und Gästen wie Ray Brown, Monty Alexander oder Louie Bellson. Die Unterfahrt, heute Münchens bekanntester Jazzclub, entstand Ende der Siebziger und gehört schon zur nächsten Generation.
Wie solche Clubs entstehen und warum sie so oft an Geld scheitern statt an Musik, ist ein Muster, das sich durch die Geschichte des Jazz-Clubs zieht. Das Domicile ist dafür ein Lehrstück mit Soundtrack. Wer heute wissen will, wie Schwabing im Sommer 1971 klang, muss nicht spekulieren. Er kann „Black Glory“ auflegen.
Quellen
- HIGHRESAUDIO: Live at the Domicile (Aufnahmedatum 11. Juli 1971)
- Wikipedia (EN): Mal Waldron Plays the Blues (Aufnahme im Domicile am 29. Juni 1971)
- Universitätsbibliothek TUM: Black Glory, Katalogeintrag (Besetzung und Aufnahmeort laut Plattenhülle, abgerufen am 04.11.2026)
- Snake Out: Black Glory & Mal Waldron Plays the Blues (Toningenieur Horst Weber, erste Enja-Platte Waldrons, abgerufen am 04.11.2026)
- Larry Porter / eastwestmusic.net: Chet Baker live in Munich, 15. August 1987 (Baker-Engagement im „Domicile“ 1987, abgerufen am 04.11.2026)
- wearytune.com: Konzertplakat Deutsches Museum, Oktober 1965 (Art Blakey & The New Jazzmen in München, abgerufen am 04.11.2026)
- organissimo.org: Art Blakey & Tony Williams 1972 (Blakey beim Jazz Now Festival München 1972, Forenquelle, abgerufen am 04.11.2026)
- Literatur: Hermann Wilhelm, Gisela Kurz: Jazz Treffpunkt München, 2003 (nicht eingesehen, als Vertiefung empfohlen)