ECM Records: der Sound der Stille
Ein Label aus München, das dem Jazz beibrachte, zu atmen. ECM machte die Stille zum Instrument – und schuf einen Klang, den man aus tausend anderen heraushört, ohne ihn je genau beschreiben zu können.
Manche Platten beginnen mit einem Knall. ECM-Platten beginnen mit Stille. Ein, zwei Sekunden Nichts, bevor der erste Ton fällt – und dieser Ton hängt dann im Raum, umgeben von so viel Luft, dass man die Konzentration im Studio zu spüren meint. „The most beautiful sound next to silence", der schönste Klang neben der Stille: So lautet das inoffizielle Motto des Labels, entnommen einer Kritik von 1971. Kein Werbespruch hat je besser getroffen, worum es einem Label ging.
Ein Gegenentwurf aus Bayern
Wer die Geschichte von Blue Note Records kennt – das amerikanische Label, gegründet von zwei Berliner Emigranten, mit seinem warmen, druckvollen Hard-Bop-Sound –, erkennt in ECM fast dessen Spiegelbild. Auch hier ein prägender Kopf mit unbedingtem Klangwillen, auch hier ein unverwechselbarer Look. Aber der Geist ist ein anderer: Wo Blue Note groovt und schwitzt, atmet und schwebt ECM.
Gegründet wurde das Label 1969 in München, von Manfred Eicher gemeinsam mit Karl Egger und Manfred Scheffner. Eicher, geboren 1943 in Lindau am Bodensee und an der Berliner Musikhochschule ausgebildet, war der prägende Kopf – Produzent, Klangregisseur und ästhetischer Diktator im besten Sinne. ECM steht für „Edition of Contemporary Music", aber diesen vollen Namen benutzt kaum ein Jazzfan. Für die Musikwelt bedeuten die drei Buchstaben etwas anderes: eine Garantie für Qualität, wie sie zuletzt Blue Note in den Sechzigern verkörpert hatte.
Die allererste Veröffentlichung war 1969 „Free at Last" des Pianisten Mal Waldron, aufgenommen in einem Studio im schwäbischen Ludwigsburg, in einer winzigen Erstauflage von 500 Stück. Dass daraus eines der einflussreichsten Label der Welt werden würde, ahnte damals niemand.
Was den ECM-Klang ausmacht
Es gibt eine anhaltende Debatte darüber, ob es „den ECM-Sound" überhaupt gibt. Eicher selbst bestreitet ihn – für ihn zählt allein die Qualität der Musik. Und doch: Wer einige dieser Platten gehört hat, erkennt eine gemeinsame Handschrift. Ein Klang, der oft als „distinctly European" beschrieben wird, kühl und warm zugleich, von großer Transparenz. Jeder Ton hat Raum, jeder Nachhall ist gewollt, nichts drängt sich vor.
Musikalisch bewegt sich ECM in einem eigenen Kosmos, in dem die Grenzen zwischen Jazz und klassischer Kammermusik durchlässig werden. Die Improvisationsfreiheit des Jazz bleibt, aber sie speist sich ebenso aus der Klangwelt europäischer Komponisten. Das Ergebnis ist eine nachdenkliche, oft meditative Musik, die eher in den Konzertsaal als in den verrauchten Club passt. Diese Nähe zum Kontemplativen verbindet ECM mit dem Spiritual Jazz, auch wenn ECM den Weg dorthin über die europäische Kammermusik statt über die afroamerikanische Kirche fand.
Ein Grund für den besonderen Charakter: ECM interessierte sich nie sonderlich für kommerziellen Erfolg. Genau diese Haltung zog Musiker an, weil sie sich frei fühlten von den üblichen Zwängen. Wer für ECM aufnahm, durfte Kunst machen, nicht Produkte.
Die Musik, die Legende wurde
Den Durchbruch als Jazzlabel brachte das Debüt des norwegischen Saxofonisten Jan Garbarek, dessen kühler, weiter Ton geradezu die Verkörperung der ECM-Ästhetik wurde. Von da an schrieb Eicher – anfangs in gebrochenem Englisch – Briefe an amerikanische Pianisten wie Chick Corea, Paul Bley und Keith Jarrett und lud sie ein, Soloplatten aufzunehmen.
Aus dieser Einladung erwuchs der vielleicht berühmteste Moment des Labels: Keith Jarretts „The Köln Concert" von 1975. Ein vollständig improvisiertes Solokonzert, in der Kölner Oper aufgenommen, entstanden am Abend unter widrigen Umständen an einem eigentlich ungeeigneten Flügel – und trotzdem, oder gerade deshalb, zu einem der meistverkauften Klavieralben aller Zeiten geworden. „The Köln Concert" ist bis heute der ideale Einstieg in die Welt von ECM: Musik, die im Moment ihrer Entstehung erfunden wird und dabei eine geradezu magische Schönheit erreicht.
Die Liste der Künstler liest sich wie ein Who's who des zeitgenössischen Jazz: Pat Metheny, Gary Burton, Jack DeJohnette, Chick Corea, der Trompeter Don Cherry, das Art Ensemble of Chicago. Und der Einfluss reicht weit über den Jazz hinaus – ECM-Aufnahmen wurden von Hip-Hop-Produzenten wie J Dilla und Madlib bis zu elektronischen Acts gesampelt, ein später Beleg, wie tief dieser Klang ins kollektive Ohr gedrungen ist.
Cover, die man erkennt, ohne hinzusehen
Wie schon bei Blue Note gehört zum Mythos das Auge. ECMs Plattenhüllen sind unverwechselbar: oft neblige Landschaftsfotografien, weite Horizonte, viel leere Fläche, eine strenge, ruhige Typografie. Ein Cover, das aussieht wie ein Standbild aus einem Arthouse-Film. Diese Gestaltung ist kein Zufall, sondern Teil des Gesamtkunstwerks – Klang, Musik und Design als Einheit gedacht. Zwei Bildbände haben diese Covers gewürdigt, und ihre Ästhetik hat Generationen von Grafikern geprägt.
Mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Gründung ist ECM noch immer da, noch immer in München, noch immer geleitet von Eicher, der über Jahre zum besten Jazzproduzenten in den Kritikerumfragen gewählt wurde. Dass ein deutsches Label mit einer so eigensinnigen, unkommerziellen Vision zur weltweiten Instanz wurde, ist eine der schönsten Geschichten der Jazzgeschichte – und ein Beleg, dass die DACH-Region nicht nur Konsument, sondern Impulsgeber dieser Musik ist.
Wenn du eintauchen willst, beginn mit Jarretts „The Köln Concert" und lass es ganz auf dich wirken. Danach ein Album von Jan Garbarek für den kühlen nordischen Ton, dann Pat Metheny für die wärmere, melodischere Seite. Achte beim Hören auf die Stille zwischen den Tönen – bei ECM ist sie kein Zufall, sondern das eigentliche Thema. Wo dieses Label in die größere Landkarte des Jazz passt, zeigt der große Genre-Guide.
Quellen (Recherchebasis)
- en.wikipedia.org/wiki/ECM_Records
- encyclopedia.com / musicianguide.com
- everythingjazz.com / qobuz.com
- city-journal.org