„Bitches Brew": das Album, das den Jazz spaltete

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„Bitches Brew": das Album, das den Jazz spaltete
Miles Davis in seiner elektrischen Phase: Mit ‚Bitches Brew' verließ er 1970 endgültig den akustischen Jazz. The Library of Congress, Public domain, via Wikimedia Commons
Ein Doppelalbum, das klang wie nichts zuvor: elektrisch, wild, hypnotisch. „Bitches Brew" zündete 1970 die Fusion, machte Miles Davis zum Popstar wider Willen – und spaltete die Jazzwelt in Bewunderer und Verräterjäger. Bis heute muss man sich entscheiden.

Es beginnt fast harmlos. Ein perkussives Tröpfeln, ein paar Keyboardtöne, ein Bass, der sich langsam reckt, als erwache er gerade aus dem Schlaf. Dann bricht es auf. Über die nächsten anderthalb Stunden zieht „Bitches Brew" den Hörer durch einen dunklen, brodelnden Klangstrudel, in dem sich Trompete, verzerrte Gitarre und mehrere Schlagzeuge zu etwas verbinden, das 1970 buchstäblich neu war. Man muss sich auf dieses Album einlassen – aber wer es tut, hört, wie eine Musikrichtung geboren wird.

Der lange Anlauf zum Bruch

„Bitches Brew" fiel nicht vom Himmel. Miles Davis, der große Unruhestifter des Jazz, hatte die Elektrifizierung seiner Musik über Jahre vorbereitet. Sein legendäres zweites Quintett – mit Herbie Hancock und Wayne Shorter – hatte sich schon in den späten 60ern vom klassischen, akkordbasierten Jazz gelöst und zunehmend elektrische Instrumente eingesetzt. Auf dem unmittelbaren Vorgänger „In a Silent Way" (1969) war Davis bereits vollständig elektrisch geworden, aber noch ruhig, fast meditativ.

Was Davis umtrieb, war die Musik um ihn herum. Der Rock explodierte, Jimi Hendrix riss mit seiner Gitarre Grenzen ein, Sly Stone und James Brown definierten den Funk neu. Davis, immer mit dem Ohr am Puls der Zeit, wollte nicht am Rand stehen. Er suchte eine Musik, die die Kühnheit des Jazz mit der rohen Energie des Rock und dem Groove des Funk verband. Der Boden war bereitet für den großen Sprung.

Drei Tage, die den Jazz veränderten

Im August 1969 versammelte Davis über drei Tage eine außergewöhnlich große Besetzung im New Yorker Columbia-Studio. Es waren so viele Musiker beteiligt, dass zu manchen Momenten zwei Schlagzeuger, zwei Bassisten und mehrere Keyboarder gleichzeitig spielten – ein dichtes, vielschichtiges Klanggewebe statt der üblichen kleinen Combo. Unter den Beteiligten waren spätere Fusion-Größen wie der Pianist Chick Corea, der Gitarrist John McLaughlin und der Schlagzeuger Jack DeJohnette. Fast jeder von ihnen sollte die Musik der folgenden Jahre mitprägen.

Davis arbeitete dabei anders als je zuvor. Er gab keine fertigen Stücke vor, sondern grobe Fragmente, Stimmungen, Riffs, und ließ die Musiker in langen Improvisationen darauf reagieren. Er dirigierte den Prozess wie ein Klangregisseur, rief Anweisungen in den Raum, formte die Musik im Moment ihrer Entstehung.

Doch das eigentliche Geheimnis lag im Schnitt. Der Produzent Teo Macero nahm die stundenlangen Improvisationen und verwandelte sie im Schneideraum in die fertigen Stücke – er schnitt, klebte, wiederholte Passagen, schuf Loops und Übergänge, lange bevor solche Techniken selbstverständlich waren. „Bitches Brew" ist damit nicht einfach eine Aufnahme einer Performance, sondern ein im Studio komponiertes Werk, ein früher Vorläufer dessen, was später in der elektronischen Musik zur Norm wurde. Das Titelstück allein erstreckt sich über mehr als sechsundzwanzig Minuten.

Warum das Album spaltete

Schon der Titel war eine Provokation. „Bitches Brew" – ein Wortspiel, das 1970 bewusst anstößig klang und die Erwartung an ein seriöses Jazzalbum unterlief. Selbst Davis' eigener Produzent war beim ersten Hören der Musik schlicht fassungslos. Für viele Jazzfans hatte das Album etwas Beängstigendes, Konfrontatives. Puristen sahen einen Verrat: Der größte lebende Jazztrompeter machte laute, elektrische Rockmusik.

Diese Spaltung zieht sich bis heute durch. Manche lieben „Bitches Brew" bedingungslos, andere winken ab. Genau das macht es zu einem der bedeutendsten und meistdiskutierten Alben der Musikgeschichte. Bemerkenswert ist, dass Columbia Records trotz aller Irritation an Davis glaubte: Das Label akzeptierte den provokanten Titel, veröffentlichte das Werk als sein erstes Doppelalbum und bewarb es gezielt bei einem jungen, rockaffinen Publikum.

Auch das Cover war ein Statement. Das afrofuturistische Gemälde stammte vom deutschen Maler Mati Klarwein, dessen surreale, farbintensive Bildwelt perfekt zur kosmischen Wildheit der Musik passte – ein deutscher Beitrag zu einem der ikonischsten Albumcover der Jazzgeschichte. Der Erfolg gab allen Beteiligten recht: Während von Davis' letzten Alben jeweils kaum mehr als 25.000 Exemplare verkauft worden waren, erreichte „Bitches Brew" binnen Monaten eine halbe Million und wurde zum ersten großen kommerziellen Erfolg der Fusion.

Ein Startschuss, kein Endpunkt

Wichtig zur Einordnung: „Bitches Brew" war nicht die allererste Jazzrock-Platte – der Vorgänger „In a Silent Way" und andere Aufnahmen jener Jahre kamen früher. Aber es war die Zündung, die das Genre in die Breite trug. Von hier aus verzweigte sich die Fusion in alle Richtungen: Die beteiligten Musiker gründeten wegweisende Bands, und der elektrische, groovende Ansatz führte über Umwege auch zum tanzbaren Jazz-Funk, den Herbie Hancock wenig später mit „Head Hunters" auf die Spitze trieb.

Interessant ist eine Parallele, die man in Deutschland kennen sollte: Zur selben Zeit experimentierten hierzulande Bands wie Can und Faust mit ähnlich hypnotischen, elektrischen Klanglandschaften – der sogenannte Krautrock. Die verwandte Suchbewegung auf beiden Seiten des Atlantiks zeigt, dass „Bitches Brew" Teil eines größeren Aufbruchs war.

Wenn du dich herantrauen willst, geh es ruhig an. „Bitches Brew" ist kein Album für nebenbei. Nimm dir Zeit, dimm das Licht, und lass dich in den Strudel ziehen – am besten mit dem Titelstück. Es ist die raue, wilde Wurzel, aus der ein guter Teil des modernen Jazz erwuchs. Wo dieses Schlüsselwerk in die größere Landkarte passt, zeigt der große Genre-Guide. Und wer den Gegenpol sucht, hört danach Davis' ruhiges Meisterwerk „Kind of Blue" – derselbe Mann, elf Jahre und eine ganze Welt entfernt.

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