Presskit für Musiker: was Booker und Journalisten brauchen
Die kurze Antwort: Ein Presskit ist eine Seite mit vier Dingen — einem kurzen Bandtext, zwei bis drei druckfähigen Fotos, direkt abspielbarer Musik und euren Kontaktdaten. Alles darüber hinaus ist Kür, und vieles davon schadet mehr, als es nützt.
Kaum ein Wort aus dem Musikbetrieb klingt so nach Arbeit wie „Presskit". Junge Bands schieben es vor sich her, weil sie sich darunter eine Mappe vorstellen, ein Dokument, ein Projekt. Dabei ist die Wahrheit unspektakulärer. Ein Presskit ist die Antwort auf eine einzige Frage: Was braucht jemand, der über euch schreiben oder euch buchen will, um das mit möglichst wenig Aufwand zu tun?
Diese Perspektive ändert alles. Denn sie macht klar, für wen das Ding ist. Nicht für euch. Für Leute, die wenig Zeit haben und viele Anfragen.
Wie ein Presskit gelesen wird
Wer versteht, wie die Gegenseite arbeitet, schreibt automatisch ein besseres Presskit. Also der Reihe nach.
Ein Booker, der eure Anfrage öffnet, will in dreißig Sekunden wissen: Was für Musik, welche Besetzung, gibt es Publikum, wie klingt das. Er wird in dieser halben Minute keine PDF-Datei herunterladen, kein Passwort eingeben und kein Video anschauen, das mit einer Minute Intro beginnt. Wenn der Weg zur Musik mehr als einen Klick braucht, ist die Anfrage erledigt.
Eine Journalistin, die über euer Konzert ankündigend schreiben soll, hat ein anderes Problem: Sie braucht Material, aus dem sich ein Text bauen lässt. Drei Fakten, eine Einordnung, ein Zitat, ein Foto in ausreichender Auflösung, dessen Urheber geklärt ist. Fehlt davon etwas, hat sie zwei Möglichkeiten — nachfragen oder weglassen. Meistens wird weggelassen.
Ein Festivalgremium schließlich vergleicht. Es hat vierzig Bewerbungen vor sich und sortiert zuerst nach dem, was schnell erfassbar ist. Auch hier gewinnt nicht das umfangreichste Kit, sondern das klarste.
Dreimal dieselbe Lehre: Ein Presskit wird nicht gelesen wie ein Text, sondern benutzt wie ein Werkzeug. Es muss greifbar machen, nicht beeindrucken.
Der Bandtext: das schwerste leichte Stück
Der Bandtext ist der Teil, an dem die meisten scheitern, und zwar fast immer auf dieselbe Weise: zu lang, zu blumig, zu wenig Information. „Eine musikalische Reise zwischen den Genres, die sich jeder Schublade entzieht" — Sätze dieser Art stehen in Hunderten Bandtexten und sagen exakt nichts. Wer sich jeder Schublade entzieht, gibt dem Leser keine Chance, sich etwas vorzustellen.
Was funktioniert, ist das Gegenteil von Poesie: Präzision. Besetzung, Herkunft, Klangbeschreibung mit Bezugspunkten, ein oder zwei belegbare Stationen. „Ein Piano-Trio aus Leipzig zwischen Jazz und HipHop, für Hörer von GoGo Penguin, Preisträger beim Landeswettbewerb 2025" — das sind zwanzig Wörter, und ein Booker weiß alles, was er wissen muss. Die Angst, sich mit Vergleichen kleinzumachen, ist unbegründet. Vergleiche sind keine Selbstverzwergung, sondern die schnellste Form der Klangbeschreibung, und jeder im Betrieb benutzt sie.
Praktisch bewährt haben sich drei Längen desselben Textes: ein Satz, ein Absatz von etwa fünfzig Wörtern, eine längere Fassung von maximal zweihundert. Die kurze Fassung wandert in Anfragen und Veranstaltungskalender, die mittlere in Programmhefte, die lange lesen nur die, die schon interessiert sind. Wer alle drei vorbereitet hat, muss nie wieder unter Zeitdruck kürzen — und Kürzen unter Zeitdruck macht Texte selten besser.
Ein Detail, das Journalisten dankbar macht: Schreibt den Text in der dritten Person. Er wird ohnehin so zitiert, und niemand baut gern „wir" in „sie" um.
Fotos: das unterschätzte Nadelöhr
Kein Element eines Presskits entscheidet so oft über Veröffentlichung oder Nicht-Veröffentlichung wie das Foto — und keines wird so stiefmütterlich behandelt. Die Gründe sind praktisch: Ein Veranstaltungskalender, ein Stadtmagazin, eine Festivalseite brauchen ein Bild. Gibt es keines in brauchbarer Qualität, fällt die Ankündigung kleiner aus oder ganz weg.
Brauchbar heißt konkret: hohe Auflösung fürs Drucken, zusätzlich eine webtaugliche Variante, mindestens ein Querformat und ein Hochformat, weil Layouts beides verlangen. Und — der am häufigsten übersehene Punkt — eine geklärte Urheberschaft. Zu jedem Foto gehört der Name der Fotografin oder des Fotografen und die ausdrückliche Freigabe zur Pressenutzung. Ein Bild, dessen Rechte unklar sind, wird von niemandem verwendet, der sein Handwerk ernst nimmt.
Was das Motiv angeht, gilt eine einfache Regel: Das Foto muss auch neben zwanzig anderen Bandfotos noch als eures erkennbar sein. Fünf Menschen vor einer Backsteinwand sind es nicht. Es braucht keinen teuren Fotografen — es braucht eine Idee und jemanden, der mit einer Kamera umgehen kann. An Musikhochschulen und in jeder Stadt gibt es Fotografie-Studierende, die für ein schmales Honorar oder im Tausch gegen eigenes Portfolio-Material arbeiten.
Musik, Zahlen, Technik: der Rest in Kürze
Die Musik selbst gehört als direkt abspielbarer Link ins Kit — Bandcamp, YouTube oder Streaming, Hauptsache ohne Anmeldung und ohne Download. An den Anfang gehört euer stärkstes Stück, nicht das erste des Albums. Wer bereits veröffentlicht hat, verlinkt die Veröffentlichung. Wer noch nicht so weit ist, braucht mindestens eine ordentliche Demo-Aufnahme — ein Presskit ohne hörbare Musik ist keines.
Bei Zahlen gilt: nur nennen, was belegbar ist und für sich spricht. Follower-Zahlen im dreistelligen Bereich lässt man weg, einen vollen Club beim letzten Konzert erwähnt man. Übertreibungen fliegen auf, und zwar genau dann, wenn es peinlich ist — nämlich beim Konzert.
Für Booker kommt ein technischer Teil dazu, der oft vergessen wird: Besetzung mit Instrumenten, Platzbedarf, was ihr mitbringt und was ihr braucht. Das muss keine ausgewachsene Bühnenanweisung sein. Drei klare Zeilen ersparen drei E-Mails, und wer Auftritte anfragt, signalisiert damit nebenbei, dass er weiß, wie ein Konzertabend organisatorisch funktioniert.
Wohin damit — und die eine Regel für alles
Die einfachste funktionierende Form ist eine eigene Presse-Seite auf eurer Website: Text in den drei Längen, Fotos mit Download-Link und Urhebernennung, Musik, Kontakt, Technik. Ein Link statt eines Anhangs — das ist alles, was „EPK" bedeutet. PDF-Mappen und Cloud-Ordner sind die zweitbeste Lösung und besser als nichts, aber eine Seite, die man verlinken kann, schlägt jeden Anhang.
Und dann die Regel, die über allem steht: Ein Presskit ist nie fertig. Nach jedem Wettbewerb, jeder Veröffentlichung, jedem besonderen Konzert gehört es angefasst — eine Zeile ergänzt, ein veraltetes Foto ersetzt, eine tote Verlinkung repariert. Ein Kit mit einem drei Jahre alten Text und Fotos aus einer früheren Besetzung erzählt dem Leser nur eines: dass sich hier niemand kümmert. Das Gegenteil ist die Botschaft, um die es geht. Nicht „wir sind großartig", sondern „mit uns ist es einfach". Im Betrieb ist das zweite das größere Kompliment.