Porgy & Bess Wien: Aus dem Pornokino wurde der schönste Jazzclub Europas

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Porgy & Bess Wien: Aus dem Pornokino wurde der schönste Jazzclub Europas
Foto von Manfred Werner / Tsui - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Der Keller in der Riemergasse 11 hat eine Vergangenheit, die kein Kulturmarketing erfinden könnte. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dort Theater gespielt, später lief ein Kino. Nach eigener Darstellung des Hauses war es Wiens erstes Raucherkino — und, wie es sich selbst nannte, das erste, beste und einzige erotische Etablissement der Stadt.

Das Rondell-Kino schloss 1991. Was folgte, war ein Jahrzehnt Dornröschenschlaf.

Als der heutige Clubchef Christoph Huber den Raum 1998 erstmals betrat, war er ein Stahlbetonskelett ohne Strom. Man erkundete ihn mit Taschenlampe. Huber war damals dreißig, frisch verheiratet, gerade Familienvater. Er beschreibt das Projekt rückblickend als die größte Herausforderung seines Lebens.

Heute zählt der Guardian den Club zu den zehn besten Jazzclubs Europas. Wien Tourismus nennt ihn den schönsten.


Steckbrief

Adresse: Riemergasse 11, 1010 Wien (Innere Stadt, nahe Stephansplatz)
Gegründet: Herbst 1993 (in der ehemaligen Fledermaus-Bar), Riemergasse seit 28. Dezember 2000
Gründer: Mathias Rüegg, Renald Deppe, Gabriele Mazic, Christoph Huber
Künstlerische Leitung: Christoph Huber
Träger: gemeinnütziger Verein
Kapazität: rund 350 Plätze, verteilt über drei Geschosse
Programm: täglich Live-Musik
Besonderheit: Tonstudio im Keller, auf die Bühne verkabelt — professionelle Livemitschnitte
Auszeichnung: Guardian-Liste der zehn besten Jazzclubs Europas (2016)
Gut für: österreichische Bands im Kontext internationaler Namen sehen
Tipp: Ein Euro in bar für die Garderobe mitbringen


Ein Schweizer baut Wien einen Jazzclub

Initiiert wurde das Porgy & Bess vom Schweizer Jazzmusiker Mathias Rüegg, dem Gründer des Vienna Art Orchestra. Im Herbst 1993 startete er gemeinsam mit Renald Deppe, Gabriele Mazic und Christoph Huber in der ehemaligen Fledermaus-Bar in der Spiegelgasse ein Projekt, das für Wien neu war: international renommierte Jazzformationen in die Stadt zu holen.

Es funktionierte. Fast zweitausend Konzerte fanden dort in den folgenden Jahren statt.

1998 wurde dem Club die Riemergasse zugesprochen, in der Umbauphase gastierte man im RadioKulturhaus. Die Eröffnung am neuen Standort erfolgte am 28. Dezember 2000.

Der Umbau war ein Kraftakt. Nach Hubers eigener Darstellung stellte der gemeinnützige Verein knapp die Hälfte des Budgets selbst auf — rund 1,5 Millionen Euro. Es gab Proteste anderer Kulturinitiativen und der Anrainer, dazu einen Regierungswechsel mit, in seinen Worten, einem jazzfeindlichen Staatssekretär.

Der Vorteil des ruinösen Zustands: Man konnte die ästhetischen und akustischen Vorstellungen von Grund auf entwickeln. Aus dem Keller eines Jugendstilgebäudes wurde ein minimalistisch gestalteter Raum über drei Ebenen — Bühnenbereich mit Tischen, Galerie im Obergeschoss, seitlicher Barbereich.


Was den Club besonders macht

Der Musikwissenschaftler Christian Scheib beschreibt das Porgy als essenziell für die Weiterentwicklung der musikalischen Wirklichkeit einer Stadt. Der Raum erlaube durch seine unterschiedlichen Bereiche verschieden intensive Konzentration auf das Konzert.

Das trifft eine Beobachtung, die auch Besucher machen: Man kann dort ganz vorne sitzen und der Musik verfallen — oder hinten an der Bar stehen und trotzdem dabei sein.

Der Guardian beschrieb den Club 2016 als moderne Mini-Konzerthalle, zum maximalen Nutzen für Musiker gestaltet, mit respektvollem und aufmerksamem Publikum.

Im Keller steht ein Tonstudio, das auf die Bühne verkabelt ist und professionelle Livemitschnitte ermöglicht. Für Musiker ist das kein Detail, sondern ein Argument.

Der Begriff Jazz wird bewusst weit gefasst. Neben Jazz laufen elektronische Musik, Weltmusik, Soul und Singer-Songwriter-Programme. Dazu kommen Musiker-, Länder- und Städteporträts, Sessions und Workshops.


Die Stageband: eine Saison für eine Band

Hier wird es für die Nachwuchsfrage interessant.

Seit der Gründung läuft eine Reihe namens „Stageband". Die Idee wurde vor über drei Jahrzehnten so formuliert, wie der Club selbst zitiert: Über eine Saison hinweg soll einer heimischen Formation einmal pro Monat die Möglichkeit geboten werden, die unterschiedlichsten Facetten ihres Repertoires vorzustellen, Experimente einzugehen, Konzepte umzusetzen und verschiedenste Ideen auszuprobieren.

Man muss das zweimal lesen. Eine österreichische Band bekommt eine ganze Saison lang monatlich die Bühne eines der besten Jazzclubs Europas — nicht für ein Konzert, sondern zum Ausprobieren.

Das ist keine Nachwuchsförderung im üblichen Sinn, sondern etwas Selteneres: Raum zum Scheitern. Die aktuelle Saison ist nach Angaben des Clubs die 31. der Porgy-Geschichte.

Dazu kommen Personalen — mehrtägige Werkschauen einzelner Musiker. Der Club listet unter anderem Thomas Gansch, Joe Zawinul, Richie Beirach, Michael Mantler und Hannes Löschel.


Der Clubaustausch: eine europäische Infrastruktur

Ein Detail, das man kennen sollte, weil es die europäische Szene erklärt.

Das Porgy & Bess betreibt einen regelmäßigen Bandaustausch mit anderen Clubs. Nach eigener Darstellung entsenden das A-Trane in Berlin und das Moods in Zürich in regelmäßigen Abständen eine herausragende Formation ihrer Szene nach Wien — und bekommen im Gegenzug eine österreichische Band. Mit dem Jazzit in Salzburg und der Unterfahrt in München läuft ein ähnlicher Austausch.

Dazu kommen Kooperationen mit dem Stadtgarten Köln, dem Bimhuis Amsterdam, der AMR Genf und dem Babylon in Istanbul.

Der Ursprung liegt in einem Clubfestival von 1995: „Imaginary Roots", eine Kooperation von sieben Jazzclubs aus Köln, Amsterdam, Paris, Kopenhagen, Genf, Zürich und Wien. Das erklärte Ziel war, dem europäischen Jazz jenen Stellenwert zu verschaffen, der ihm zusteht.

Für ein Label ist das eine wertvolle Information: Wer in Wien im Porgy spielt, kann über diesen Kanal auch in Berlin, Zürich, München oder Amsterdam landen. Die Clubs sind vernetzt.


Praktisches für den Besuch

Bargeld für die Garderobe. Besucher weisen darauf hin, dass die Garderobe einen Euro pro Stück kostet und bar zu zahlen ist. Getränke und Speisen lassen sich mit Karte begleichen.

Sitzplatz oder Stehplatz. Es gibt beide Ticketarten. Stehplatz heißt: irgendwo stehen, solange man niemandem die Sicht nimmt.

Getränke vor dem Konzert holen. Mehrere Besucher berichten, dass es während der Vorstellung schwierig wird, an die Bar zu kommen, wenn man nicht in ihrer Nähe sitzt.

Die Sicht ist nicht von jedem Platz gleich gut. Wer die Bühne sehen will, kommt früh.

Ein kritischer Punkt aus den Bewertungen: Ein Gast berichtet von unzureichender Belüftung, die den zweiten Teil eines Abends unangenehm gemacht habe. Das ist eine Einzelschilderung, taucht aber auf.


Warum der Club für Newcomer zählt

Das Porgy & Bess ist kein Ort, an dem man unbekannte Musiker*innen entdeckt, indem man dienstags vorbeischaut. Dafür ist der Louisiana Blues Pub da, oder das ZWE.

Der Wert des Porgy liegt woanders: Es ist die Bühne, auf die eine österreichische Band will.

Wer es hierher schafft, ist angekommen. Und über den Clubaustausch führt der Weg weiter nach Berlin, Zürich, München, Amsterdam. Das Haus fungiert als Schleuse zwischen der lokalen und der europäischen Szene.

Für ein Label heißt das dreierlei:

Die Stageband-Reihe zeigt, welche heimische Formation der Club für so aussichtsreich hält, dass er ihr eine ganze Saison schenkt. Das ist ein Urteil von Leuten, die es beurteilen können.

Das Tonstudio bedeutet, dass von Konzerten dort professionelle Mitschnitte existieren können.

Das Programm stellt österreichische Bands neben internationale Namen. Wer diesen Vergleich besteht, hat etwas.

Die Wiener Szene im Überblick — mit dem Jazzland als historischer Institution — und der Rest des Raums stehen im Überblick zur Live-Musik im DACH-Raum.


Häufige Fragen

Wo liegt das Porgy & Bess?
Riemergasse 11 im ersten Wiener Gemeindebezirk, unweit des Stephansplatzes. Der Club sitzt im Keller eines Jugendstilgebäudes und erstreckt sich über drei Geschosse.

Was war vorher in den Räumen?
Ein Kino, das Rondell, das bis 1991 bestand — nach Darstellung des Clubs zeitweise Wiens erstes Raucherkino und ein Erotikkino. Davor wurde in dem Keller seit dem 19. Jahrhundert Theater und Varieté gespielt.

Wie groß ist das Porgy & Bess?
Rund 350 Plätze, verteilt auf Bühnenbereich, Galerie und Barbereich.

Gibt es täglich Programm?
Ja. Der Club veranstaltet nach Angaben von Wien Tourismus täglich Live-Musik — Jazz im weiteren Sinn, dazu elektronische Musik, Weltmusik, Soul und Singer-Songwriter.

Was ist die Stageband?
Eine Reihe, die es seit Gründung gibt: Eine heimische Formation erhält über eine ganze Saison hinweg monatlich die Bühne, um ihr Repertoire zu erproben und zu experimentieren. Die laufende Saison ist die 31. dieser Reihe.


Stand: Juli 2026. Programm und Preise können sich ändern — aktuelle Termine auf porgy.at.


Quellen

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