Jazzland Wien: Hier gab Diana Krall 1996 ihr Debüt – als niemand sie kannte

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Jazzland Wien: Hier gab Diana Krall 1996 ihr Debüt – als niemand sie kannte
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Es gibt eine Anekdote, die alles über diesen Club erzählt.

1996 spielte im Keller unter der Ruprechtskirche eine kanadische Pianistin, die in Wien praktisch niemand kannte. Es war ihr Wien-Debüt. Sie hieß Diana Krall.

Clubgründer Axel Melhardt erzählte die Geschichte später mit sichtlichem Vergnügen — und ergänzte, dass Weltstars wie George Benson und Wynton Marsalis nach ihren Auftritten in den großen Sälen der Stadt gern noch im Jazzland vorbeischauten, um zu sehen, wie Wien es mit dem Jazz hält.

Der Keller, in dem das passiert, ist ein Gewölbe aus dem 15. Jahrhundert. Der Club darin wurde am 4. März 1972 eröffnet und über ein halbes Jahrhundert von derselben Person geleitet. Damit gilt das Jazzland als ältester Jazzclub der Welt unter kontinuierlicher Leitung.


Steckbrief

Adresse: Franz-Josefs-Kai 29, 1010 Wien (Keller unter der Ruprechtskirche)
Eröffnet: 4. März 1972
Gründer: Axel Melhardt (1943–2024) und Tilly Melhardt
Heutige Leitung: Julius Melhardt (Sohn) und Michael Schlacher
Gewölbe: erbaut um 1450
Programm: fast täglich Live-Musik, geöffnet Montag bis Samstag ab 19 Uhr
Musikbeginn: meist 21 Uhr
Eintritt: nach Besucherangaben rund 18 Euro
Zahlung: nur bar
Stilistik: traditioneller Jazz, Blues, Swing, alle Jazzrichtungen
Gut für: Jazzgeschichte atmen, in einem Keller von 1450
Achtung: klein und schnell voll. Früh kommen


Ein Science-Fiction-Autor gründet einen Jazzclub

Die Biografie des Gründers ist zu eigenwillig, um sie zu übergehen.

Axel Melhardt, geboren 1943 in Wien, Sohn eines Prager Schauspielers und einer Sängerin, entdeckte den Jazz als Dreizehnjähriger durch den Film „The Benny Goodman Story". Nach eigener Darstellung verpasste er ein Rendezvous, ging stattdessen ins Kino und blieb gleich für die nächsten beiden Vorstellungen sitzen. Am Tag darauf verkaufte er seine Rock-'n'-Roll-Platten und kaufte eine Benny-Goodman-Platte — und dazu die, die zufällig danebenstand. Es war ein Louis Armstrong.

Danach studierte er dies und das: Astronomie, Mathematik, Anglistik, Ethnologie. Er arbeitete als Möbelvertreter, als Übersetzer, schrieb Kriminal- und Science-Fiction-Geschichten — und war zwei Jahre lang Rechercheur im Büro von Simon Wiesenthal.

Sein Lebensziel, so formuliert er es selbst, sei entweder gewesen, einen Jazzclub zu leiten oder eine Science-Fiction-Serie herauszugeben.

Es wurde der Jazzclub.


Wie aus einem Heurigen ein Jazzkeller wurde

Anfang 1972 veranstaltete man in einem finanziell angeschlagenen Stadtheurigen am Franz-Josefs-Kai — dem „Weinfaßl" — einen Jazzabend. Das Lokal war zum ersten Mal seit Jahren wieder voll.

Der Gastronom Franz Kausal, an der Musik selbst nach Darstellung des Clubs wenig interessiert, ergriff den Strohhalm. Der Jazzring Austria, in dessen Vorstand Melhardt saß, begann in dem nun Jazzland genannten Keller regelmäßig Konzerte zu veranstalten.

Die Vereinspartnerschaft hielt nicht lange. Im September 1972 übernahm Melhardt die alleinige musikalische Verantwortung, ab 1983 auch die gastronomische. Im Oktober 1972 heiratete er Tilly Stelzhammer, die dafür ihr Ethnologiestudium abbrach und den Club fortan mittrug.

Das erste Konzert am 4. März 1972 bestritt die New-Orleans-Klarinettenlegende Albert Nicholas gemeinsam mit der Wiener Band Red Hot Pods. Damit stand das Konzept fest, das der Club über Jahrzehnte verfolgte: internationale Stars mit heimischen Musikern zusammenbringen.

Axel Melhardt starb am 6. Mai 2024, kurz vor seinem 81. Geburtstag. Der Club wird heute von seinem Sohn Julius Melhardt und von Michael Schlacher geführt, der das Programm bereits zu Melhardts Lebzeiten verantwortete.


Vierhundert US-Stars in einem Kellergewölbe

Die Liste derer, die dort gespielt haben, ist außergewöhnlich. Nach Angaben des Clubs und von Wien Tourismus traten im Jazzland über 300 bis 400 US-Musiker auf.

Darunter: Big Joe Williams, Memphis Slim, Roosevelt Sykes, Little Brother Montgomery, Teddy Wilson, Clark Terry, Benny Carter, Art Farmer, Ray Brown, Herb Ellis, Lee Konitz, Bud Freeman. Dazu George Benson, Wynton Marsalis, Monty Alexander.

Und eben Diana Krall, 1996, als Unbekannte.

Im Keller entstanden auch zahlreiche Live-Mitschnitte. Melhardt berichtete, der Boogie-Pianist Axel Zwingenberger habe dort zehn CDs aufgenommen. Der Saxofonist Red Holloway spielte mit der heimischen Mojo Blues Band die Live-CD „Jazzland Session" ein.

Melhardts Erklärung dafür ist schlicht: Musiker liebten das Jazzland, weil es nah am Publikum sei.


Das Gewölbe: Vorteil und Nachteil

Der Club sitzt in den Katakomben unter der Ruprechtskirche — der ältesten Kirche Wiens. Das Gewölbe wurde nach Melhardts Angaben um 1450 erbaut.

Er selbst benannte die Konsequenz nüchtern: Die Gegebenheiten des Kellers ließen sich nicht verändern, und das habe Vor- wie Nachteile. Zu den Nachteilen zählte er, dass Gäste wegen Überfüllung schon mal keinen Einlass mehr fanden.

Das bestätigen Besucher bis heute. Ein Gast berichtet, er sei um 18.45 Uhr da gewesen, um einen anständigen Platz zu bekommen — die Musik beginne erst um 21 Uhr, aber der Laden sei binnen Minuten voll. Er habe zwei Stunden auf einem Barhocker gewartet und es keine Sekunde bereut. Es sei, schreibt er, wie eine Filmszene. Wie eine Zeitreise.

Ein praktischer Hinweis, der in fast jeder Bewertung auftaucht: Bargeld mitbringen. Karten werden nicht akzeptiert. Der Eintritt liegt nach Besucherangaben bei rund 18 Euro.


Praktisches für den Besuch

Früh kommen. Wer um 21 Uhr erscheint, bekommt keinen Tisch mehr. Das berichten mehrere Besucher übereinstimmend.

Bargeld. Es gibt keine Kartenzahlung.

Kein WLAN, kein Handyempfang. Der Keller liegt tief. Ein Gast beschreibt das als Teil des Charmes: old school, kein Internet.

Das Monatsprogramm steht auf der Website des Clubs.

Der Eingang liegt versteckt hinter dem Gebäude, man geht unter das Kellerniveau. Wer zum ersten Mal kommt, sollte suchen.


Warum der Club für Newcomer zählt

Das Jazzland ist keine Bühne für Newcomer im engeren Sinn. Es gibt dort keine offene Session wie im ZWE, keine Nachwuchsreihe wie im King Georg in Köln, keinen Bewerbungsweg wie beim Jazzclub Augsburg.

Sein Wert liegt woanders — und er ist historisch belegbar.

Das Jazzland hat vorgemacht, wie Nachwuchsförderung durch Programmierung funktioniert. Melhardts Konzept war von Anfang an, internationale Spitzenmusiker mit österreichischen Künstlern zusammenzuspannen. Ein junger Wiener Musiker stand auf derselben Bühne wie Albert Nicholas oder Clark Terry — nicht als Vorgruppe, sondern als Mitspieler.

Wien Tourismus formuliert es so, dass die heimische Szene heute auch dank der Pionierarbeit des Jazzland etabliert und auf der Höhe der Zeit sei. Das ist keine Übertreibung. Als der Club 1972 öffnete, gab es in Wien nur eine kleine lokale Szene.

Und die Diana-Krall-Geschichte zeigt das Zweite: Ein Club, der täglich spielt und international bucht, hat auch mal jemanden auf der Bühne, den noch niemand kennt. Man muss nur hingehen.

Melhardt selbst formulierte einen Satz, den man sich merken sollte. Er stimmte ihn traurig, dass Jazz in heimischen Medien noch immer wenig beachtet werde — man setze ihn mit Rock oder Pop gleich, statt ihn neben der ernsten Musik als gleichwertige Kunstform zu würdigen.

Wer diese Website liest, versteht das Anliegen vermutlich.

Die anderen Wiener Adressen — Porgy & Bess und der Louisiana Blues Pub — sowie der gesamte Raum stehen im Überblick zur Live-Musik im DACH-Raum.


Häufige Fragen

Wie alt ist das Jazzland?
Der Club wurde am 4. März 1972 eröffnet und gilt als ältester heute existierender Jazzclub Wiens. Da er über fünfzig Jahre von derselben Person geleitet wurde, gilt er zudem als ältester Jazzclub der Welt unter kontinuierlicher Leitung.

Wo liegt das Jazzland?
Franz-Josefs-Kai 29 im ersten Wiener Bezirk, in einem Kellergewölbe unter der Ruprechtskirche. Das Gewölbe stammt nach Angaben des Clubs aus der Zeit um 1450.

Was kostet der Eintritt?
Nach Besucherangaben rund 18 Euro. Kartenzahlung ist nicht möglich, es wird ausschließlich Bargeld akzeptiert.

Wann beginnt die Musik?
Geöffnet wird gegen 19 Uhr, die Musik beginnt meist um 21 Uhr. Besucher raten dringend, deutlich früher zu kommen — der Keller ist klein und schnell voll.

Wer hat im Jazzland gespielt?
Nach Angaben des Clubs über 300 US-Musiker, darunter Teddy Wilson, Clark Terry, Benny Carter, Art Farmer, Ray Brown und Lee Konitz. Diana Krall gab dort 1996 ihr Wien-Debüt, damals noch weitgehend unbekannt.


Stand: Juli 2026. Programm und Preise können sich ändern — aktuelle Termine auf jazzland.at.


Quellen

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