Jazzrausch Bigband: Wie 20 Bläser den Techno-Club eroberten

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Jazzrausch Bigband: Wie 20 Bläser den Techno-Club eroberten
Jazzrausch @ Detmolder Sommerbühne CC BY-SA 4.0

Stell dir eine Big Band vor. Vermutlich denkst du an Frack, an Notenpulte, an Glenn Miller im Radio deiner Großeltern. Und jetzt stell dir dieselbe Besetzung in einem dunklen Münchner Technoclub vor, um zwei Uhr nachts, während vor der Bühne getanzt wird, als liefe ein DJ-Set. Genau da fing die Geschichte der Jazzrausch Bigband an, und sie erklärt bis heute, warum dieses Ensemble in keine der üblichen Schubladen passt.

Die Band aus München verbindet Bigband-Sound mit House und Techno. Das klingt erstmal nach zu viel, nach einer Idee, die auf dem Papier besser aussieht als im Ohr. Ist es aber nicht. Das Label ACT beziffert die Konzerttätigkeit auf rund 120 Auftritte pro Jahr, mit Stationen wie dem New Yorker Lincoln Center, der Münchner Philharmonie und internationalen Festivals. Für ein Format, das viele längst im Museum verortet hatten, ist das eine bemerkenswerte Karriere.

Vom Harry Klein auf die großen Bühnen

Der Ursprung liegt in einem der bekanntesten Elektroclubs Europas. 2015, nur ein Jahr nach ihrer Gründung, wurde die Jazzrausch Bigband Artist in Residence im Harry Klein in München — und eine feste Big Band als Hausband eines Technoclubs hatte es davor schlicht nicht gegeben. Getragen wird das Projekt von zwei Kompositions- und Organisationsköpfen: dem Posaunisten und Bandmanager Roman Sladek sowie dem Gitarristen und Komponisten Leonhard Kuhn.

Der Sprung vom Club-Untergrund in die Konzertsäle ging schnell. Bald füllte die Band Rockvenues wie die Münchner Muffathalle ebenso wie klassische Konzerthäuser, und Tourneen führten sie ins Lincoln Center nach New York, zum JZ Festival nach Shanghai, zum Safaricom International Jazz Festival nach Nairobi und zum SXSW nach Austin. Vier Kontinente, ein Repertoire, das sich weigert, sich zu entscheiden. Kein Wunder, dass die Süddeutsche Zeitung von einer Kernschmelze von Bigband-Sound mit House und Techno-Musik sprach und die FAZ die Band für Klanggewalt, Groove und enorme Bühnenpräsenz lobte.

Heute ist die Formation Orchestra in Residence im Münchner Bergson Kunstkraftwerk. Seit zwölf Jahren spielt sie dort ihre Fusion aus Jazz, elektronischer Musik und orchestralen Klängen — eine Konstellation, in der die Grenze zwischen Konzert und Rave bewusst verschwimmt.

Was diesen Sound ausmacht

Der Trick der Jazzrausch Bigband liegt darin, zwei Dinge ernst zu nehmen, die sonst getrennt bleiben: den unerbittlichen Vierviertel-Puls des Techno und die Kunst des Bläserarrangements. Wo ein DJ einen Beat auflegt, setzen hier bis zu 20 Musikerinnen und Musiker akustische Bläserwände dagegen. Improvisation trifft auf Clubbeat, Handgemachtes auf Elektronik. Die Kölner Philharmonie fasst die naheliegende Skepsis offen zusammen — was hat der hehre Jazz denn mit Techno zu tun? — und gibt gleich die Antwort: Es gelingt den jungen Münchnern, den unerbittlichen Beat des Techno mit vertrackten Bläsersätzen zu einer bezwingenden Melange zu verbinden.

Was in Beschreibungen oft untergeht: Diese Band bleibt neugierig bis zur Rastlosigkeit. Ihre Arrangements zitieren instrumentalen Techno, Film- und Serienmusik, verneigen sich vor Soul und Hip-Hop und mischen dem Jazz den Groove von Swing und der Basie-Band bei. Anfang 2026 vertonte sie im Bergson kurzerhand Goethes „Faust". Die Süddeutsche kommentierte trocken, man komme kaum mehr hinterher bei dem Tempo, in dem die Jazzrausch Bigband neue Projekte aus der Hüfte schießt. In knapp zwölf Jahren sind mehr als ein Dutzend Alben und noch weit mehr Programme entstanden.

Wer die Diskografie durchgeht, findet die Bandbreite bestätigt: Alben wie „Dancing Wittgenstein" oder das 2021 bei ACT erschienene „téchne" mit Gästen wie Nils Landgren, Viktoria Tolstoy und Wolfgang Haffner zeigen, dass hinter dem Club-Image ein durchdachtes kompositorisches Programm steckt. Titel und Konzepte kreisen gern um Philosophie und Kunstgeschichte, ohne dass die Musik je akademisch würde. Der Kopf denkt mit, die Beine tanzen trotzdem.

Euphoria: der aktuelle Stand

Der jüngste Baustein heißt „Euphoria". Das Album erschien am 3. Juli 2026 und trägt den Zustand schon im Titel. Es setzt auf ausgesprochen tanzbare Stücke, die den Abstand zwischen Publikum und Ensemble auflösen sollen: massive Bläsersätze, treibende Beats und improvisatorische Freiheit, akustische Instrumente nahtlos mit elektronischer Produktion verzahnt. Ein Programm, das die Energie der Liveshows in Studioform übersetzt.

Die Tracktitel geben die Richtung vor. Zwischen dem Opener „When the Lights Are Low", dem knapp vierminütigen „Elektra" und einem augenzwinkernden „Slap That Bass" bewegt sich das Album zwischen Clubtauglichkeit und Big-Band-Handwerk, ohne eines davon zu opfern. Die dazugehörige Euphoria-Tour zieht sich durch die Saison 2026/2027, unter anderem mit einem Termin in der Kölner Philharmonie am 19. September 2026 und mehreren Abenden im heimischen Bergson.

Bemerkenswert ist, dass die Band selbst im Erfolg experimentierfreudig bleibt, statt eine Formel zu wiederholen. Parallel zum tanzbaren Euphoria-Programm steht für 2026 ein neues Weihnachtsalbum an — Bigband-Tradition ganz ohne elektronische Klänge, mit swingenden Arrangements über Texte von Eichendorff, Fontane und Storm. Techno-Rave und akustischer Weihnachtsswing im selben Jahr: Das fasst den Charakter dieser Band ziemlich genau.

Warum die Jazzrausch Bigband die Debatte verschiebt

Für die deutschsprachige Szene ist dieses Ensemble mehr als ein Kuriosum. Es beweist, dass sich „Jazz" als Etikett längst geöffnet hat — zur Sammelstelle für alles, was in keine andere Kategorie passt. Genau in dieser Öffnung arbeiten auch jüngere Acts aus dem DACH-Raum, die Jazz mit HipHop, Elektronik oder Clubkultur kurzschließen. Wer bei der Jazzrausch Bigband andockt und wissen will, wie diese Fusion bei einer neuen Generation weitergeht, findet in unserem Überblick zu neuen Jazz-Funk-Bands der DACH-Szene 2026 reichlich Anschluss. Und wer erst einmal verstehen möchte, wo die Grenzen zwischen Fusion und Jazz-Rock verlaufen, bekommt dort die Landkarte dazu.

Die Jazzrausch Bigband hat vorgemacht, dass ein Technoclub und ein Konzertsaal keine Gegensätze sein müssen. Diese Erlaubnis, Grenzen zu ignorieren, ist vielleicht ihr wichtigstes Erbe — wichtiger noch als jedes einzelne Album.


Quellen

  1. Jazzrausch Bigband – Band (offizielle Bandbiografie, Besetzung, Zitate SZ/FAZ, abgerufen am 16.08.2026)
  2. Jazzrausch Bigband – Wikipedia (Diskografie, ~120 Auftritte, ACT-Label, Gründung, abgerufen am 16.08.2026)
  3. Die Jazzrausch Bigband zelebriert „Euphoria" – Joyn (Einordnung Album, Faust-Vertonung, SZ-Zitat, 10.07.2026)
  4. Jazzrausch Bigband – Kölner Philharmonie (Konzertbeschreibung Euphoria, 15 Musiker, Termin 19.09.2026, abgerufen am 16.08.2026)
  5. Euphoria – Tracklist/Albumdaten (Tracklist, Genre-Tags, Albumbeschreibung — nur als Faktenbeleg für Tracktitel, abgerufen am 16.08.2026)

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