Donau115 Berlin: 50 Plätze, kein Firlefanz, und dienstags darf jeder ran
Der Mitbetreiber Chad Matheny hat das Programm seines Ladens einmal so beschrieben, dass es von hochwertigem Straight-Ahead-Post-Bop bis zu — Zitat — experimentellen, Zappa-beeinflussten atonalen intellektuellen Sonderlingen reicht. Gelegentlich komme ein lärmiger, ruppiger akustischer Popact dazu.
Das ist eine ehrlichere Selbstbeschreibung, als sie die meisten Clubs hinbekommen. Und sie erklärt, warum der Guardian das Donau115 zu den besten Jazzclubs Europas zählt, obwohl der Laden gerade einmal fünfzig Leute fasst.
Zwischen Sonnenallee und Karl-Marx-Straße, hinter einem Schaufenster zur Straße, liegt der kleinste Club dieser Serie. Bierbänke draußen, Flaschenbier drinnen. Und ein Programm, für das Künstler Schlange stehen.
Steckbrief
Adresse: Donaustraße 115, 12043 Berlin-Neukölln
Anfahrt: U8 Boddinstraße, U7 Rathaus Neukölln, U8 Hermannplatz, Busse M41, M42, M43, 166
Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag ab 19.30 Uhr, Konzerte meist 20.30 Uhr
Kapazität: rund 50 Plätze
Programm: Jazz, Post-Bop, Experimentelles, gelegentlich Pop und Noise
Offene Bühne: „Two-Song Tuesday", Anmeldung ab 19.30 Uhr, Start 20 Uhr
Auszeichnung: APPLAUS-Spielstättenprogrammpreis 2015, Guardian-Liste der besten europäischen Jazzclubs
Gut für: Musik hören, ohne dass jemand redet
Achtung: Unterhaltungen während der Konzerte sind verpönt
Ein Raum, der den Krieg überlebt hat
Die Geschichte des Gebäudes ist einen Absatz wert. Nach Darstellung des Jazz-Portals Jazzity liegt das Donau115 im Erdgeschoss eines Hauses, das im Krieg bombardiert wurde. Die oberen Stockwerke wurden abgerissen und neu errichtet — der Raum, in dem heute der Club sitzt, blieb erhalten.
Vorher war dort eine Sicherheitsfirma. Aus L&G Security wurde eine Jazzbar. Berlin.
Der Stil ist entsprechend unaufwendig: roh, hip, ohne Ausstattungsehrgeiz. Ein Schaufenster zur Donaustraße, drinnen ein schmaler Raum. Es ist, wie visitBerlin schreibt, fast wie ein Konzert im eigenen Wohnzimmer — nur seien die Drinks dafür zu gut.
Fünfzig Plätze, und alle hören zu
Die Kapazität ist die zentrale Größe dieses Clubs. Fünfzig Leute — mehr passen nicht rein. Das hat drei Konsequenzen.
Die Nähe. Zwischen Publikum und Musikern liegen wenige Meter. Wer in der ersten Reihe sitzt, sitzt praktisch in der Band.
Die Konzentration. Und hier wird es ungewöhnlich: Unterhaltungen während der Konzerte sind laut visitBerlin verpönt. Es wird zugehört, konzentriert. In einer Stadt, in der viele Jazzabende Hintergrundbeschallung für Cocktails sind, ist das eine Ansage.
Die Auswahl. Wer bei fünfzig Plätzen auftritt, tut es nicht wegen der Gage. Die Künstler kommen, weil das Setting einmalig ist und weil das Publikum auch mit sperrigen Klangwelten etwas anfangen kann — so beschreibt es visitBerlin, und die Programmzettel bestätigen es.
Ein Blick in ein beliebiges Monatsprogramm zeigt, was das heißt: ein argentinisches Quartett, ein Quartett um den britischen Pianisten Kit Downes, eine Grunge-Band aus Beirut. Nicht immer Jazz, wie man ihn kennt.
Two-Song Tuesday: die offene Bühne
Das ist der Fund, wegen dem das Donau115 in diesem Guide steht.
Dienstags läuft „Two-Song Tuesday". Die Einladung, die der Club dafür verschickt, richtet sich ausdrücklich an Songwriter, Komponisten, Instrumentalisten, Poeten, Autoren, Geschichtenerzähler, Synthesizer-Magier — und, offenbar nicht ironisch gemeint, Dudelsackspieler. Anmeldung ab 19.30 Uhr, Beginn um 20 Uhr.
Das ist keine Jam-Session im klassischen Sinn. Es ist eine offene Bühne, und der Unterschied ist wichtig: Bei einer Jam steigt man in ein bestehendes Set ein und improvisiert über Standards. Bei Two-Song Tuesday bringt man eigenes Material mit. Zwei Stücke, die eigenen.
Für ein Label ist das die interessantere Form. Man hört nicht, wie jemand über „Autumn Leaves" solieren kann — man hört, was er selbst geschrieben hat.
Praktisches für den Besuch
Früh kommen. Bei fünfzig Plätzen ist das kein Ratschlag, sondern eine Notwendigkeit.
Leise sein. Der Club nimmt seine Musik ernst, das Publikum auch.
Die Preise sind Neukölln-typisch moderat. Der Guardian hob in seiner Empfehlung Moscow Mules für fünf Euro hervor — ob der Preis heute noch stimmt, ist eine andere Frage, aber die Richtung dürfte stimmen.
Geöffnet Dienstag bis Samstag ab 19.30 Uhr, sonntags und montags in der Regel geschlossen. Vereinzelt gibt es auch Sonntagskonzerte, ein Blick in den Kalender lohnt.
Warum der Club für Newcomer zählt
In Berlin gibt es mehr Jazzbühnen als in jeder anderen deutschen Stadt. Für jemanden, der junge Musiker sucht, ist das eher Problem als Vorteil — man kann nicht überall sein.
Das Donau115 löst dieses Problem auf eine eigene Art. Es ist der Ort, an dem die Neuköllner Szene ihre riskanteren Sachen ausprobiert. Wer hier auftritt, hat sich für ein Publikum entschieden, das zuhört, und gegen eines, das zahlt.
Der Unterschied zu den anderen Berliner Adressen dieser Serie lässt sich klar benennen. In der Hat Bar sieht man jeden Abend viele Musiker kurz. Im B-flat sieht man mittwochs eine kuratierte Session mit Hausband. Im Donau115 sieht man dienstags, was Leute selbst geschrieben haben — und an den übrigen Abenden ein Programm, das mutiger ist als das der großen Häuser.
Dazu kommt die Nachbarschaft. Neukölln ist der Kiez, in dem ein erheblicher Teil der jungen Berliner Jazzszene wohnt und probt — das Moses Yoofee Trio etwa hat hier seinen Ausgangspunkt. Ein Club mit fünfzig Plätzen mitten in diesem Kiez ist kein Konzertort, er ist ein Treffpunkt.
Was das Donau115 nicht ist: eine planbare Scouting-Adresse mit Hochschulanbindung wie die JazzHall in Hamburg oder das Jazz Studio Nürnberg. Es ist die Gegenprobe dazu — der Ort, an dem man hört, was passiert, wenn niemand eine Prüfung ablegt. Beides gehört zusammen, wie unsere Übersicht der deutschen Jazz-Clubs zeigt.
Häufige Fragen
Was ist Two-Song Tuesday im Donau115?
Eine offene Bühne, die dienstags stattfindet. Songwriter, Komponisten, Instrumentalisten und andere Vortragende können sich ab 19.30 Uhr anmelden und ab 20 Uhr zwei eigene Stücke spielen.
Wie groß ist das Donau115?
Rund fünfzig Plätze. Der Club bezeichnet sich selbst als Mikro-Jazzbar.
Wo liegt das Donau115?
Donaustraße 115 in Berlin-Neukölln, zwischen Sonnenallee und Karl-Marx-Straße. Nächste Stationen: U8 Boddinstraße, U7 Rathaus Neukölln, dazu mehrere Buslinien.
Wann hat das Donau115 geöffnet?
Dienstag bis Samstag ab 19.30 Uhr, Konzerte beginnen meist um 20.30 Uhr. Sonntags und montags ist in der Regel geschlossen, vereinzelt gibt es Sonntagskonzerte.
Welche Musik läuft im Donau115?
Der Schwerpunkt liegt auf Jazz und Post-Bop, das Programm geht aber bewusst darüber hinaus — bis zu experimenteller Musik, Noise und gelegentlich Pop. Das Haus wurde 2015 mit dem Spielstättenprogrammpreis APPLAUS ausgezeichnet.
Stand: Juli 2026. Programm und Zeiten können sich ändern — aktuelle Termine auf donau115.de.
Quellen
- Donau115 – offizielle Website (Programm, Kontakt, Adresse)
- visitBerlin – Donau115 (Kapazität, Atmosphäre, APPLAUS 2015, Konzertetikette, Anfahrt)
- Berlin.de – Donau115 (Programmprofil, Einordnung in die Berliner Szene)
- Jazzity – Donau115 (Guardian-Einordnung, Zitat Chad Matheny, Gebäudegeschichte)
- regioactive.de – Donau115 (Öffnungszeiten, Monatsprogramm, Two-Song Tuesday)
- GoOut – Donau115 (Vorgeschichte des Raums)