Jazzclub Unterfahrt München: Sonntags gehört die Bühne dem Nachwuchs

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Jazzclub Unterfahrt München: Sonntags gehört die Bühne dem Nachwuchs
Jazzclub Unterfahrt München. Foto: OhWeh, CC BY-SA 2.5

Als 1978 ein paar Jazzer ein verwinkeltes ehemaliges Eisenbahner-Lokal an der Kirchenstraße übernahmen, stand auf der Bühne ein Billardtisch. Der Club hieß nach der Bahnunterführung gegenüber: Unterfahrt.

Fast fünfzig Jahre später führt das Magazin Down Beat den Laden unter den „100 great Jazz Clubs" weltweit. 2021 kam der Deutsche Jazzpreis als Sonderpreis der Jury dazu, davor mehrfach die APPLAUS-Auszeichnung für Programmplanung. Der Club spielt an sieben Abenden die Woche.

Und einmal die Woche, sonntags, überlässt er die Bühne Leuten, die noch niemand kennt.


Steckbrief

Adresse: Einsteinstraße 42, 81675 München (Keller des Einstein Kultur)
Anfahrt: U4/U5 Max-Weber-Platz
Gegründet: April 1978, seit 1998 am heutigen Standort
Träger: Förderkreis Jazz und Malerei München e.V., gemeinnützig
Programm: täglich Konzerte, Beginn in der Regel 21 Uhr
Jam-Session: sonntags, geleitet von wechselnden Nachwuchsmusikern
Montags: Bigband Night
Stilistik: Post-Bebop, Modern Jazz, Avantgarde
Auszeichnungen: Down Beat „100 great Jazz Clubs", Deutscher Jazzpreis 2021, mehrfach APPLAUS
Gut für: die junge Münchner Szene an einem einzigen Abend kennenlernen


Vom Billardtisch zur Weltliste

Gegründet wurde die Unterfahrt im April 1978 von Mike Uitz, Herbert Straub und Fritz Otto. Der erste Standort lag in der Eckkneipe Zur Unterfahrt am Haidenauplatz, gegenüber einer Bahnunterführung — daher der Name.

Die Münchner Jazzlandschaft war damals dicht besiedelt. Das international renommierte Domicile führte das Feld an, das Allotria war die Heimat der Traditionalisten, dazu kamen Läden vom Nachtcafé bis zum Kleinen Rondell. Die Unterfahrt suchte sich eine eigene Nische: Free Jazz.

Der Club war anfangs ehrenamtlich geführt. Zwei Entwicklungen veränderten ihn: 1980 gründete sich ein Förderverein, ab 1983 organisierte Sepp Dachsel den Betrieb neu. 1998 zog die Unterfahrt in die Kellerräume der ehemaligen Unionsbrauerei in der Einsteinstraße. Mit diesem Umzug, so beschreibt es das Stadtmagazin IN München, stieg sie zu einem der führenden Jazzclubs Deutschlands auf.

Von den einstigen Konkurrenten ist wenig übrig. Die Unterfahrt gibt es noch.


Ein Verein mit Gemälden an der Wand

Betrieben wird der Club vom Förderkreis Jazz und Malerei München e.V. — der Name ist kein Zufall. Der Verein veranstaltet in den Clubräumen wechselnde Ausstellungen von Gemälden und Fotografien. Wer zum Konzert kommt, sieht nebenbei eine Galerie.

Die Vereinsmitglieder arbeiten überwiegend ehrenamtlich. Über den Verein fließen Kulturfördermittel der Stadt München in den Club. Die künstlerische Leitung liegt bei Michael Stückl, davor war lange Christiane Böhnke-Geisse für das Programm verantwortlich.

Diese Struktur — gemeinnütziger Verein, Ehrenamt, öffentliche Förderung — teilt die Unterfahrt mit dem Jazz Studio in Nürnberg. Und sie hat dieselbe Konsequenz: Ein Club, der nicht jeden Abend Gewinn machen muss, kann Risiken eingehen.

Richard Wiedamann, Leiter des Bayerischen Jazzinstituts, attestiert dem Club einen international hervorragenden Ruf.


Die Sonntags-Jam: geleitet von der nächsten Generation

Hier liegt der eigentliche Grund, warum die Unterfahrt in diesem Guide steht.

Sonntags findet die Jam-Session statt, und sie ist ausdrücklich für Nachwuchstalente gedacht. Das Besondere ist, wer sie leitet: Der Club übergibt die Session an junge Musiker, oft für einen Monat am Stück. In einem Programmarchiv der Unterfahrt liest sich das beispielsweise so, dass zwei Nachwuchspianisten aus der jungen Münchner Szene die Sessions eines Monats übernahmen — einer davon ein Absolvent des Jazz Instituts der Münchner Musikhochschule, der andere jemand, der den Club aus seiner Zeit als FSJ-Mitarbeiter kannte.

Man muss das kurz sacken lassen. Der wichtigste Jazzclub Bayerns lässt Leute die Session leiten, die vor kurzem noch dort geputzt haben.

Die Einladung ist explizit: Freunde, Kollegen und alle anderen, die musikalisch etwas beitragen wollen, seien willkommen — Nur-Zuhörer selbstverständlich auch. Aktuellere Programmübersichten nennen als Session-Leiter Namen wie Jakob Marsmann und Sun-Mi Hong.

Ein Hinweis zum Eintritt: Für die Sonntags-Jam kursiert der Preis von fünf Euro. Verifizieren ließ sich das für die aktuelle Saison nicht — die Session ist deutlich günstiger als ein reguläres Konzert, den genauen Preis prüft man am besten vorab auf der Website.


Was sonst läuft

Täglich Konzerte, Beginn in der Regel um 21 Uhr, geöffnet ab etwa 19.30 Uhr. Stilistisch liegt der Schwerpunkt auf Post-Bebop, Modern Jazz und Avantgarde, wobei der Club Experimentierfreude und Abwechslung ausdrücklich hochhält.

Montags ist Bigband Night. Dort spielen unter anderem die Bigband von Dusko Goykovich und Formationen wie das Munich University Jazz Orchestra — also wiederum studentische Ensembles.

Die Gäste sind international. Ein Blick in ein Monatsprogramm zeigt Namen wie Gilad Hekselman, Mary Halvorson, Joel Ross, James Carter und Lage Lund. Die Unterfahrt beschreibt ihre Bühne selbst als Sprungbrett, das schon vielen Talenten zu nationaler und internationaler Anerkennung verholfen habe.

Das Landes-Jugendjazzorchester Bayern tritt ebenfalls auf — eine Big Band mit Spielerinnen und Spielern zwischen 16 und 25, die der Club als Kaderschmiede des deutschen Jazz bezeichnet.


Praktisches für den Besuch

Öffnung rund 60 Minuten vor Konzertbeginn, Konzerte in der Regel um 21 Uhr.

Tickets im Vorverkauf über die Website. Bei bekannten Gästen lohnt das, der Keller ist begrenzt.

Anfahrt mit U4 oder U5 bis Max-Weber-Platz. Der Club liegt im Keller des Einstein Kultur.

Mitgliedschaft im Förderkreis ist möglich und finanziert den Betrieb mit.


Warum der Club für Newcomer zählt

Die Sonntags-Jam der Unterfahrt hat eine Eigenschaft, die sie von den Berliner Sessions unterscheidet. In der Hat Bar oder im B-flat sieht man, wer spontan gut spielt. In der Unterfahrt sieht man zusätzlich, wem der Club vertraut — denn der Session-Leiter ist eine kuratorische Entscheidung.

Wer die Sonntags-Session der Unterfahrt leitet, wurde von der Programmleitung ausgewählt. Das ist ein Signal. Für ein Label ist der Session-Leiter deshalb mindestens so interessant wie die Musiker, die einsteigen.

Dazu kommt die Anbindung an das Jazz Institut der Münchner Musikhochschule und die Bigband Night mit studentischen Orchestern. Zusammen ergibt das ein dichtes Bild der jungen Münchner Szene, ohne dass man dafür durch die Stadt fahren muss.

Die zweite relevante Adresse in München ist die Jazzbar Vogler, die gezielt aufstrebende Musiker programmiert, aber deutlich kleiner ist. Wie beide ins bundesweite Bild passen, steht in unserer Übersicht der deutschen Jazz-Clubs sowie im Überblick zur Live-Musik im DACH-Raum.


Häufige Fragen

Wann ist die Jam-Session in der Unterfahrt?
Sonntags. Sie richtet sich ausdrücklich an Nachwuchstalente und wird von wechselnden jungen Musikern geleitet, häufig für einen Monat am Stück.

Was kostet der Eintritt in der Unterfahrt?
Das hängt vom Konzert ab. Die Sonntags-Jam ist deutlich günstiger als reguläre Konzerte — den aktuellen Preis prüft man am besten direkt auf der Website des Clubs.

Wo liegt der Jazzclub Unterfahrt?
Einsteinstraße 42 in München-Haidhausen, in den Kellerräumen des Einstein Kultur, einer ehemaligen Brauerei. Nächste Station: U4/U5 Max-Weber-Platz.

Seit wann gibt es die Unterfahrt?
Seit April 1978. Der Club startete in einer Eckkneipe am Haidenauplatz und zog 1998 in die Einsteinstraße. Der Name stammt von der Bahnunterführung am ersten Standort.

Kann man bei der Jam mitspielen?
Ja. Der Club lädt ausdrücklich alle ein, die musikalisch etwas beitragen wollen — und stellt klar, dass reine Zuhörer ebenso willkommen sind.


Stand: Juli 2026. Programm und Preise können sich ändern — aktuelle Termine auf unterfahrt.de.


Quellen

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