Treibhaus Innsbruck: Der Eintritt zur Eröffnung war ein Blumenstock
Als das Treibhaus 1981 zum ersten Mal aufsperrte, verlangten die Betreiber von jedem Besucher einen Blumenstock als Eintritt. Nach dem Fest stand das ganze Zentrum voller Pflanzen. Wer von außen durchs Schaufenster sah, fragte, ob es sich um ein Treibhaus handle.
Der Name war besiegelt.
Gegründet hat das Ganze Norbert K. Pleifer — ein Mann, der zunächst in den Jesuitenorden eintrat, sich dort so oft mit seinen Oberen zerstritt, dass er sich beurlauben ließ, und daraufhin, wie der ORF es formulierte, seine eigene Missionsstation eröffnete.
Er leitet das Haus bis heute. Und er holt Leute wie Ron Carter nach Innsbruck.
Steckbrief
Adresse: Angerzellgasse 8, 6020 Innsbruck (nahe der Altstadt)
Gegründet: 1981, seit 1986 am heutigen Standort
Gründer und Leiter: Norbert K. Pleifer
Vorgeschichte: hervorgegangen aus dem autonomen Kulturhaus KOMM (1977)
Gebäude: dunkles Oktogon, entworfen von Rainer Köberl, Raimund Rainer und Gerhard Manzl
Struktur: Café, Keller, Turm — alle drei werden zu Veranstaltungsräumen
Programm: Jazz, Weltmusik, Kabarett, Theater, Lesungen, Slams, Kindertheater
Öffnungszeiten: täglich ab 16 Uhr, sonntags bis 24 Uhr
Gastronomie: Restaurant, Café, Gastgarten
Gut für: Weltstars zu Preisen, die sich Studierende leisten können
Achtung: Keine Reservierung — wer kommt, kommt
Vom KOMM zum Treibhaus
Die Vorgeschichte beginnt 1977. Die Kulturreferenten der Österreichischen Hochschülerschaft, Claudius Baumann und Norbert Pleifer, gründeten angesichts der mageren Auswahl an soziokulturellen Treffpunkten das KOMM — ein selbstverwaltetes Kulturzentrum im Gebäude der heutigen Mensa am Innrain.
Fünf Jahre später, 1981, eröffnete Pleifer mit dem Verein „Kunstdünger" das erste Treibhaus in der Anzengruberstraße im Stadtteil Pradl. Gedacht war es als Stadtteilzentrum. Bei der Eröffnung spielten der Tiroler Jazzmusiker Werner Pirchner und das Vienna Art Orchestra — jenes Ensemble, dessen Gründer Mathias Rüegg später das Porgy & Bess in Wien initiierte.
In den Achtzigern galt das Treibhaus vor allem als Jugendtreffpunkt. Die Innsbrucker Stadtnachrichten verglichen es 1985 mit der Wiener Arena.
1986 zog das Zentrum in die Angerzellgasse, in unmittelbare Nachbarschaft zu den Jesuiten — was bei Pleifers Vorgeschichte eine gewisse Komik hat. Der Neubau, ein dunkles Oktogon, sollte nach Darstellung der Architekten Widerstand signalisieren.
2001 folgte der letzte große Umbau, bei dem das Haus um eine „Unterwelt" erweitert wurde. Pleifer beschreibt das Ergebnis als Generationenprojekt: oben im Turm die Eltern, unten im Keller deren Kinder, und in der Mitte treffen sich alle im Restaurant.
Ein Ort, zu dem kein Schild führt
Pleifer sagt über die Lage seines Hauses einen Satz, der viel erklärt: Es gebe kein Schild, das herführe, aber jeder, der wolle, finde sie.
Das Treibhaus liegt mitten in Innsbruck und trotzdem auf keiner Touristenroute. Für Pleifer ist das die beste Voraussetzung für das, was das Haus sein soll — ein Ort, an dem die Leute aus der Stadt gern ihren Alltag verbringen.
Die Kombination aus Café, Keller und Turm ist ungewöhnlich. Alle drei werden regelmäßig zu Veranstaltungsräumen: für Konzerte, Theater, Kabarett, Lesungen, Poetry Slams — und, das gehört zur Ehrlichkeit dazu, gelegentlich Fußballübertragungen.
Die Musik spielt seit der Neuausrichtung 2001 im Turm und im Keller. Im Café läuft sie im Hintergrund, was dem Chef nach eigener Aussage eigentlich missfällt, weil sie dort nur noch Berieselungsfunktion habe.
Besucher beschreiben den Ort als Geheimtipp, loben die Preise ausdrücklich als günstig — und weisen darauf hin, dass es keine Reservierungen gibt. Wer zuerst kommt, sitzt zuerst.
Warum Weltstars nach Innsbruck kommen
Pleifers Erklärung ist entwaffnend pragmatisch. Innsbruck liege auf der Kreuzung zwischen Wien und Paris, Berlin und Rom. Die Musiker seien froh, zwischen Auftritten in den Großstädten einmal in Ruhe verschnaufen zu können.
Was alle schätzten, sei die menschliche Wärme im Treibhaus. Viele bezeichneten das Haus inzwischen als ihr Wohnzimmer. Dazu komme die Nordkette, die viele tief beeindrucke — für manche sei sie ein Disneyland in echt. Und schon blieben sie ein paar Tage.
Einen Weltstar habe er allerdings erst nach langer Recherche und Überzeugungsarbeit nach Innsbruck gebracht: Abdullah Ibrahim, den früheren Dollar Brand, dessen „Mannenberg" zu den Hymnen der Anti-Apartheid-Bewegung zählt. Er wurde ein persönlicher Freund des Hauses.
Auch Ron Carter spielte im Treibhaus. Und hier kommt der Punkt, der für unsere Frage zählt.
Der Preis ist das Programm
Eine Lokalzeitung formulierte es 2019 so: Pleifer schaffe es, Musiklegenden wie den Jazzbassisten Ron Carter ins Treibhaus zu locken — und einen Ticketkauf auch jenen zu ermöglichen, die sich derartige Konzerte anderswo für den vielfachen Preis nicht leisten könnten.
Das ist keine Nebensache, sondern die Grundidee des Hauses. Pleifer selbst beschreibt seine Linie über vierzig Jahre so: Es sei immer seine Absicht gewesen, Programm für Menschen quer durch alle Generationen und sozialen Schichten zu machen. Diese Mischung zusammenzubringen gelinge noch immer.
Bei den Veranstaltungen träfen, wie es in demselben Bericht heißt, geflüchtete Menschen auf Alteingesessene, Hiphop-Fans auf Liebhaber klassischer Musik.
Dazu passt eine Anekdote aus der Pandemie: Nach einem Spendenaufruf des Intendanten hätten Hunderte Menschen gespendet — genug, dass Pleifer alle Angestellten weiterbeschäftigen konnte, von der Kellnerin bis zu den Ton- und Lichttechnikern.
Und eine über die Politik: Er beförderte einst den obersten Kulturbeamten der Stadt vor laufenden Fernsehkameras zum Klärwerksdirektor, indem er dessen Schreibtisch entsorgte und das Namensschild am Klärwerk anbrachte. Ein Mann, mit dem sich die Politik regelmäßig verscherzt hat — und umgekehrt.
Praktisches für den Besuch
Keine Reservierung. Wer kommen will, kommt und nimmt, was frei ist. Besucher berichten, dass man früh da sein sollte, wenn man essen möchte.
Die Gastronomie ist Teil des Konzepts. Das Restaurant wird von Besuchern gelobt, die Preise als fair beschrieben — der Betrieb arbeitet nach Angaben von Gästen nicht gewinnorientiert.
Der Gastgarten ist im Sommer ein Argument.
Das Programm läuft täglich ab 16 Uhr, oft bis in die Nacht. Neben Konzerten gibt es Kindertheater und Konzerte für Kinder, in der Regel am Wochenende.
Seit 1995 organisiert das Treibhaus gemeinsam mit dem Leokino Cinematograph ein Open-Air-Filmfestival im Innenhof des Zeughauses.
Warum das Haus für Newcomer zählt
Das Treibhaus ist kein Jazzclub im engeren Sinn. Es hat keine wöchentliche Jam wie das ZWE in Wien, keine Nachwuchsreihe wie das Jazzit in Salzburg, keinen Hochschulanschluss wie der Jazzcampus in Basel.
Sein Wert liegt in etwas anderem — und es ist etwas, das man nicht kaufen kann.
Das Treibhaus ist der einzige Ort in Tirol, an dem die gesamte Szene zusammenkommt. Jazz, Weltmusik, Kabarett, Theater, Hiphop, Klassik. Alle Generationen, alle sozialen Schichten. Ein Haus, das seit über vierzig Jahren dieselbe Person leitet und das sich bewusst gegen die Segmentierung des Publikums stemmt.
Für ein Label heißt das: Wer die Tiroler Szene verstehen will, muss hierher. Es gibt keine Alternative — nicht, weil das Treibhaus alle anderen verdrängt hätte, sondern weil es die Funktion erfüllt, die anderswo auf fünf Häuser verteilt ist.
Und für junge Musiker heißt es: Auf dieser Bühne standen Werner Pirchner, das Vienna Art Orchestra, Abdullah Ibrahim und Ron Carter. Zu Preisen, die sich Studierende leisten können.
Die österreichische Szene komplettieren Porgy & Bess, das Jazzland und der Louisiana Blues Pub in Wien. Der Überblick über den gesamten Raum steht unter Live-Musik im DACH-Raum.
Häufige Fragen
Woher hat das Treibhaus seinen Namen?
Beim Eröffnungsfest 1981 war der Eintritt ein Blumenstock pro Besucher. Danach stand das Zentrum voller Pflanzen — Passanten fragten, ob es sich um ein Treibhaus handle.
Wo liegt das Treibhaus?
Angerzellgasse 8 in Innsbruck, nahe der Altstadt. Der markante achteckige Bau steht dort seit 1986. Zuvor saß das Treibhaus in der Anzengruberstraße im Stadtteil Pradl.
Welches Programm läuft im Treibhaus?
Vor allem Jazz und Weltmusik, dazu Kabarett, Theater, Lesungen, Poetry Slams und Kinderprogramm. Der Betrieb umfasst Café, Keller und Turm — alle drei werden zu Veranstaltungsräumen.
Muss man reservieren?
Nein, es gibt keine Reservierungen. Besucher berichten, dass man früh kommen sollte, besonders wenn man essen möchte.
Wer leitet das Treibhaus?
Norbert K. Pleifer, der das Haus 1981 gründete und bis heute führt. Zuvor hatte er 1977 das autonome Kulturhaus KOMM mitbegründet.
Stand: Juli 2026. Programm und Zeiten können sich ändern — aktuelle Termine auf treibhaus.at.
Quellen
- Wikipedia: Treibhaus (Kulturzentrum) (Gründung 1981, KOMM-Vorgeschichte, Umzug 1986, Architektur, Eröffnungskonzert)
- innsbruck.info – Das Treibhaus und sein Impresario (Pleifer-Zitate zur Lage Innsbrucks, Abdullah Ibrahim, Umbau 2001, Spendenaktion)
- 6020 Stadtmagazin – Das Treibhaus (Namensherkunft Blumenstock, KOMM-Gründung, Struktur aus Café, Keller und Turm)
- tirol.ORF.at – Innsbrucks Kulturgärtner feiert Jubiläum (Jesuiten-Vorgeschichte, Programmlinie über alle Generationen)
- MeinBezirk – Schon seit 40 Jahren unbequem (Ron Carter, Ticketpreise, Publikumsmischung, Klärwerks-Aktion)
- subARCHIV Innsbruck – Treibhaus (Verein Kunstdünger, Umbauten)
- Google Places (Öffnungszeiten, Besucherbewertungen zu Preisen und Reservierung, abgerufen am 11.07.2026)